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Einmal hier auf Erden

Manche Rivalitäten sind fast schon legendär. Zum Beispiel die zwischen Luke Skywalker und Darth Vader in Star Wars. Oder die zwischen Adidas und Nike. Oder natürlich die zwischen Schalke und Dortmund. Gerne erinnere ich mich an unseren Ver- leger Trond Patzphal, der mir jedes Mal, wenn ich in dieser Kolumne gegen die blau-weißen Jungs aus Herne-Nord stichelte, unmissverständlich zu verstehen gab, für wen sein Fußballerherz schlug. Hat mich so manches Bier gekostet. Aber auch in unserer Branche gibt es manchmal gewisse Animositäten. „Jeder Bäcker möchte auf Erden einmal gern Konditor werden“, dieser Spruch ist wohl so alt wie das Konditorenhandwerk selbst, hallt aber immer noch in Richtung so mancher Backstube. Ich habe auch schon von Vorbehalten gehört, die die kochende Zunft uns Bäckern gegenüber hegt. Wir würden uns fast dogmatisch an Rezepte halten und seien einfach nicht kreativ. Köche hingegen würden mit jeder Mahlzeit ihr Innerstes zum Ausdruck bringen und sich ständig neu erfinden. Meinen Einwand, dass Kontinuität auf hohem Niveau nichts anderes als Qualität sei, ließ mein Trauzeuge, selbst Koch, nicht gelten. Jedenfalls treibt die Kreativität der Köche manchmal seltsame Blüten. Und damit meine ich nicht die hochtrabende Molekularküche, die mich eher an den Raum D12 meiner alten Schule erinnert. Dort war das Chemielabor un- tergebracht. Sondern eine kulinarische Entdeckung. Um ihr den gebührenden Raum zu geben, hole ich – wie üblich – etwas aus: Es war im schönen Jahr 1985, als Albert Meyer … kleiner Scherz, so weit muss ich gar nicht zurückgehen – es reicht ein Blick auf unsere Redaktionreise zur letzten Südback in Stutt- gart. Dort im Ländle habe ich sie schät- zen gelernt: die Maultasche. Was für eine Köstlichkeit im Teigmantel. Wussten Sie, dass es im Schwäbischen einen netten, oder wie unsere Brotbotschafterin sagen würde, „putzigen“ Spitznamen für diese himmlische Spezialität gibt? Dort nennt man sie gerne „Herrgottsbescheißer“. Ganz einfach, weil man in ihrer Teighülle damals Fleisch verstecken konnte, dessen Verzehr der Herr Pfarrer (beim lieben Gott bin ich mir da nicht so sicher) in der Passionszeit ausdrücklich und strengstens verboten hatte. Zugegeben, bis hier- her kann ich die Kreativität der Köche noch nachvollziehen. Ab hier wird es absurd. Es ist wohl dem Zeitgeist geschuldet, dass es inzwischen auch vegetarische Maultaschen gibt. Man verzichtet also auf die Zutat, die einst die Erfindung der Maultasche notwendig machte. Anders formuliert: Die vegetarische Maultasche ist ein Herrgottsbescheißerbescheißer. Oder der Herrgottsbescheißer 2.0. In die wahren Niederungen der Absurditäten der Kochkollegen gelangt man aber erst mit der nächsten Genusseskalation: Vegetarische Maultaschen mit – man höre und staune – Fleischgeschmack. Ich kann nicht mehr. Habe diese kühne Errungenschaft aber tatsächlich im Kühlregal liegen sehen. Es fällt mir schwer, das in ein Bild zu fassen, aber ist es nicht so, als wäre die Schalker Rechtsaußen-Legende Reinhard Stan Libuda mit blau- weißen Stutzen in sein Bett mit schwarz-gelber Bettwäsche gestiegen, um dann davon zu träumen, dass Schalke doch noch Meister wird? Ja, so oder so ähnlich könnte ein solches Bild aussehen – zumal besagter Fußballer erst von Schalke zum BVB und dann wieder zurück zu den Blau-Weißen wechselte. Ja, ja, alle Fußballer hier auf Erden könnten einmal Köche werden.