Anders als im LEH galt für das Bäckerhandwerk immer die scheinbar eherne Regel: Preise erhöhen geht, senken geht nicht, zumindest nicht dauerhaft. Natürlich gab es immer Sonder- oder Mengenangebote. Aber wir können uns nicht daran erinnern, dass ein Handwerksbäcker schon einmal die Preise für rund ein Drittel seiner Artikel dauerhaft gesenkt hat. Thomas Göing aus Hannover wollte offensichtlich wissen, ob die oben genannte Regel wirklich so ehern ist und ging mit seiner Preissenkung dann auch aufmerksamkeitswirksam an die Öffentlichkeit. Aus der Branche dürfte er damit weniger Zuspruch als Kritik geerntet haben, und es gibt durchaus valide Gegenargumente. Wir springen ihm trotzdem einmal zur Seite. Zum einen hat Göing in der Begründung auf betriebsinterne Faktoren verwiesen, also nicht andere Bäcker als Raffkes dargestellt. Dann nannte er außerdem als Beweggrund, dass handwerkliche Backwaren für möglichst viele Menschen erschwinglich bleiben sollen. Was er hier aus Kundensicht formuliert, treibt tatsächlich viele Kollegen um: Filialbetriebe leben davon, dass Otto Normalverbraucher – so es ihn heute noch gibt – beim Bäcker einkauft und damit für Frequenz und die nötigen Skaleneffekte sorgt. Vielleicht ist Göing bei einer Preiserhöhung in der Vergangenheit zu mutig vorgegangen und suchte jetzt nach einer gesichtswahrenden Möglichkeit, sie wieder zurückzunehmen?
Es sei, wie es sei. Für Preiserhöhungen sieht nach unserer Wahrnehmung die Mehrheit der Kollegen aktuell keinen Spielraum – Deutschland steckt bekanntlich im dritten Jahr in Folge in der Rezession. Die meisten Bäcker haben es bisher noch nicht geschafft, wieder auf die Kundenzahlen aus der Vor-Coronazeit zu kommen. Daraus kann man verschiedene Strategien ableiten. Göings Schritt ist ungewöhnlich. Wir könnten uns vorstellen, dass er kurzfristig zwar mehr Kunden bringt, aber nicht mehr Gewinn. Frage bleibt, wie es langfristig aussieht? Am besten, wir fragen Herrn Göing in ein oder zwei Jahren.