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Gebrochen Brot

Wissen Sie, was eine Mitra ist? Kennen Sie alle: Bei diesem Hut handelt es sich um die traditionelle Kopfbedeckung katholischer Bischöfe für Gottesdienste. Beim nächtlichen Dienst am Teig erinnert mich die klassische Bäckermütze in letzter Zeit häufiger an den klerikalen Kopfschmuck. Mag es daran liegen, dass mir beim Thema Arbeitszeiten generell viele Gemeinsamkeiten des filialisierten Bäckerhandwerks mit der katholischen Kirche auffallen. Da wäre an erster Stelle der Zölibat. Was für Priester die Enthaltsamkeit bedeutet, ist vielen älteren Jahrgängen in der Backstube die Nachtarbeit. Da wird auf etwas verzichtet, woran alle anderen teil- und Freude haben: Bei den Katholiken Ehe, Kinder, Sex; bei den Bäckern sozial- verträgliche Arbeitszeiten, gesunde Schlafrhythmen und eine diesem Opfer angemessene Bezahlung. Modern denkende Geistliche stellen mit dem Blick nach Rom gerichtet den Zölibat zwar immer mal wieder infrage. Viel tat sich in den letzten 900 Jahren aller- dings nicht. Woran liegt’s? Die Alten sind schuld, denn ob Priester, Bischof, Kardinal oder gar der Papst: Sie alle haben ein Leben lang auf Ehepartner, Nachwuchs und Lust – zumindest offiziell – verzichten müssen. Warum sollten sie diesem großen Opfer jede Bedeutung nehmen, indem sie jungen Priestern diese Bürde erlassen? In unserer Branche verhält es sich ganz ähnlich. Bäcker, die wenigstens die Hälfte ihrer lebenslangen Arbeitszeit abgegolten haben, kennen mehrheitlich nichts anderes als Nachtarbeit. Sie haben sich damit arrangiert, Sozialleben sowie Schlafrhythmus darauf abgestimmt und freuen sich immerhin über Nachtzuschläge. Nun dringt eine neue Generation junger Bäcker in die Produktion. Sie fordert nicht nur eine günstige Work-Life-Balance und über- durchschnittliche Bezahlung, sondern schüttelt bei Betrieben mit Nachtarbeit häufig den Kopf. Die Jungen können sich ihre Ansprüche herausnehmen, denn was sie von früheren Jahrgängen trennt, ist der Umschwung vom Arbeitgeber- zum Arbeitnehmermarkt. Für Geschäftsführungen, die mit der Umstellung auf Tagarbeit liebäugeln, eine Zwickmühle: Die Alten wollen ihre auf Nachtschicht eingerichtete Lebensführung oftmals nicht umkrempeln. Der auf Tagarbeit bedachte Nachwuchs guckt sich derweil beim Marktbegleiter um oder gleich in einer anderen Branche. Eine weitere Parallele zwischen Bäckern und katholischer Kirche ist das teilweise fragwürdige Verhaften in nicht mehr zeitgemäßen Dogmen. Weil sich bei der Institution der größten europäischen Glaubensgemeinschaft in zu langer Zeit zu wenig der modernen Lebensweise anpasst, schmelzen hierzulande die Mitgliederzahlen jedes Jahr im sechsstelligen Bereich. Auch das filialisierte Bäckerhandwerk kämpft mit klaffenden Lücken bei zu besetzenden Stellen und Ausbildungsplätzen. Laut Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks rutschte die Zahl der Azubis 2023 erstmals in den vierstelligen Bereich ab. Schon ist man dabei, Nachwuchs aus dem Ausland zu rekrutieren, wie auch die katholische Kirche überall Zustrom erhält – nur in ihrem Urgrund Europa nicht. Anstatt in der Backstube seit jeher gelebte Praxis von Grund auf zu überdenken, überlässt man vor allem den kompetenten und ambitionierten Nachwuchs kleinen, innovativen Bäckereien. Diese setzen immer häufiger auf Tagproduktion, weswegen der Personalmangel oftmals nicht wie ein Damoklesschwert über der Zukunft dieser Betriebe schwebt. Selbst auf lange Sicht ist nicht abzusehen, dass sich die Personallage branchenübergreifend signifikant zum Besseren entwickelt. Daraus folgt, dass wir uns bewegen müssen. Grundlegendes Umdenken ist notwendig, um unser Handwerk auf dem heutigen Niveau langfristig am Leben zu halten. Auf der Liste anzupackender Themen steht der Wechsel von Nacht- zu Tagarbeit weit oben. Verharren wir in unseren Positionen, droht das gleiche Schicksal wie der katholischen Kirche: Statt den Anliegen und Lebenshorizonten der Menschen zeitgemäß zu begegnen, wird sich auf Tradition und Notwendigkeit berufen. Wen wundert’s da, dass sich junge Talente abwenden?