„Die Hölle, das sind die anderen.“ Das ist der Schlüsselsatz des 1944 uraufgeführten Dramas „Geschlossene Gesellschaft“ des französischen Schriftstellers und Philosophen Jean-Paul Sartre. Darin geht es um drei Menschen, die zusammen in einem Raum eingeschlossen sind und sich gegenseitig ertragen müssen. Zwar ist mir diese Situation, das Eingeschlossensein, bisher erspart geblieben – auch wenn die vergangenen Lockdowns schon in diese Richtung gingen. Aber dieser Gedanke, die anderen sind die Hölle, schoss mir auch schon häufiger durch den Kopf. Das ist seltsam, denn gemeinhin gilt der Mensch doch als soziales Wesen. Aber es gibt sie unumstritten: Menschen mit anderer Meinung bis hin zu ganz Fremden, denen wir lieber aus dem Weg gehen. Vielleicht ist es eine Frage der gemeinsamen Interessen. Oder aber der eigenen Toleranz. Dieser Begriff kommt, wie sollte es anders sein, aus dem Lateinischen und bedeutet nichts anders als aushalten oder ertragen. Das ist ganz schön anstrengend. Obwohl es mir deutlich leichter fällt, den blau-weißen Fußballclub aus Herne-West zu ertragen, seitdem er eine Spielklasse tiefer kickt. Entfernung scheint also heilsam zu sein. Doch leider ist es mir nur selten vergönnt, dass Mitmenschen, die den oben zitierten Satz Sartres in mir provozieren, einfach so „absteigen“, also aus meinem Blickfeld, meiner näheren Umgebung, meinem Dunstkreis verschwinden, ohne dass ich meine kalabrischen Freunde beauftragen müsste. Im Ernst: Toleranz ist mühsam. Manchmal scheint sie unmöglich. Aber sie lohnt sich. Das zeigen die Erfahrungen der letzten 150 Jahre, die die Menschen auch in Bochum, mitten im Ruhrgebiet, machen durften: Durch die Industrialisierung trafen hier schon damals viele Menschen verschiedener Herkunft aufeinander. Unterschiedliche Kulturen, fremde Sitten und Gewohnheiten und mannigfache Perspektiven. Klar, gab das auch mal Streit. Doch untertage war das völlig egal. Wenn da der Karl schrie: „Hömma, tu ma den Mottek“ (frei übersetzt: „Entschuldigung, werter Kollege, wärst du so liebenswürdig und würdest mir den Vorschlaghammer reichen?“), dann war das egal, ob jenes Werkzeug von Mustafa, Jewgeni oder Vincenzo angereicht wurde. Hauptsache: Mottek. Geht es um das Wesentliche, sind wir uns schnell einig. Aber was macht es dann so schwierig, tolerant zu sein? Die Angst vor dem Fremden kann es nicht sein! Vielleicht ist die Mauer der Abgrenzung, die wir so häufig gegenüber Fremden und anderen Meinungen errichten, der Versuch, uns selbst zu schützen? Unsere Verletzlichkeit? Wer wir sind, hängt auch immer davon ab, wie andere uns sehen. Damit laufen wir bei jedem Treffen mit einem Fremden Gefahr, dass dieser nicht das Bild von uns bekommt, was wir gerne hätten. Andererseits steckt damit in jeder neuen Begegnung die Freiheit, sein zu können, wer man will. Ok, jetzt wird es etwas abstrakt. Was ich sagen will: Wer dem anderen offen begegnet, darf auf die Offenheit des anderen hoffen. Schließlich steckt er in der gleichen Situation, wie wir. Seien wir mutig.