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Kommentar: Wenn so eine Hysterie einmal rollt

Grundsätzlich haben wir nichts gegen Verbrauchermythen. Einige sind ja auch ausgesprochen bäckerfreundlich. So schreibt die geneigte Kundschaft dem Dinkel viele wundersame und positive Eigenschaften zu, selbst wenn die von Seiten der kritischen Wissenschaft leider nicht bestätigt werden können. Solche Mythen dürfen natürlich gerne weiter wachsen und gedeihen. Anders sieht es mit einem Mythos aus, der vielleicht das Zeug hat, zu einer Hysterie zu werden. Die Rede ist von der Gluten-Panik. Hier ist der aktuelle Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis klar auf Seiten der Bäcker [1]. Die Verbraucherzentralen und das Bundesinstitut für Risikobewertung stellen fest, dass die Vermeidung glutenhaltiger Lebensmittel ohne medizinischen Grund bedeutet, „die Ernährung oft unnötig einzuschränken und gesundheitliche Risiken einzugehen.“ Leider lassen sich die meisten Menschen, die auf dem Wege der Selbstdiagnose bei sich eine „Glutenallergie“ festgesellt haben, davon nicht beirren. Bedient wird dieser Glaube durch eine Lebensmittelindustrie, die inzwischen auf alles „glutenfrei“ druckt, das nicht bei drei auf dem Baum ist. Gerne im Dreiklang des Bösen: „Gentechnikfrei / Zusatzstofffrei / Glutenfrei“.  Der normal – also de facto nicht – informierte Verbraucher muss da zur Überzeugung kommen, dass so ein Weizenbrötchen eigentlich mit Warnhinweisen wie eine Stange Zigaretten bepflastert werden sollte. Vielleicht ist ein Grund für den rückläufigen Brotverzehr in Deutschland gerade hier zu suchen.

Jetzt ist gegen eine rollende Hysterie schwer anzuargumentieren. Wahrscheinlich ist es sinnvoller, positive Gegenbeispiele zu setzen. Projekte wie die 90-Tage-Challenge von Tobias Exner, bei der er jeden Tag fast 500 Gramm Brot aß und fit wie ein Turnschuh wurde, gibt es leider viel zu wenige. Entsprechende Influencer zu unterstützen wäre jedenfalls eine schöne Gemeinschaftsaufgabe für Zentralverband, Großbäckerverband, Backzutatenverband, Mühlenverband und viele mehr. Wir könnten wetten, dass irgendwo bei der EU für so eine Kampagne sogar Fördermittel herumliegen.