Wenn Martin und Yvonne Mahl mich vor der Veröffentlichung ihres Videos zur sogenannten Energieprämie gefragt hätten, was ich von ihrer Idee halte, wäre die Antwort ziemlich sicher gewesen: „Lasst das mal lieber sein.“ Die Gesellschaft hat weitgehend verlernt, kontrovers zu diskutieren. Einen Boykottaufruf einer NGO mit guten Medienkontakten fängt man sich heutzutage leichter als ein Parkticket. Und speziell bei diesem Thema schien der Shitstorm – „Die gönnen ihren Mitarbeitern nicht die Butter auf dem Brot“ – vorprogrammiert. Jetzt haben die Mahls mich zum Glück nicht gefragt. So wurde ihr kleines Video millionenfach aufgerufen, überwiegend positiv kommentiert, und Martin Mahl konnte seine Position jetzt auch noch bei einem Youtube-Star ausführlich erläutern.
Bäcker exponieren sich vernünftigerweise nicht gern in dieser Form in der Öffentlichkeit. Mahl macht es aber sehr geschickt, indem er auf der Sachebene bleibt, sich nicht in Parteipolitik verstricken lässt und so auch weniger angreifbar ist. Ich fürchte, dass sich mehr Kollegen Mahl zum Vorbild nehmen und damit die sichere Komfortzone verlassen müssen. Zurzeit ist die Kritik am Reformstau ziemlich einhellig. Schaut man allerdings genauer hin, was die Leute stört, tun sich Abgründe auf: Die eine Hälfte kritisiert Kanzler Merz, weil er die versprochenen Reformen nicht umsetzt. Für knapp die andere Hälfte geht er aber schon viel zu weit. Diese Menschen glauben die sozialistischen Heilsversprechen: Wir müssen nur eine Reichensteuer einführen, schon ist es wieder so kuschelig wie damals in der DDR oder heute in Nordkorea. Der Glaube, dass der Staat durch genaue Planung über Jahrzehnte der Wirtschaft den richtigen Pfad zur Innovation vorgeben muss, ist in den Parteien weiter verbreitet, als wir uns eingestehen wollen. Irgendjemand muss dagegen argumentieren, wenn wir das Land nicht den Idioten überlassen wollen. Und ja, es betrifft auch das Bäckerhandwerk, wenn die Industriearbeitsplätze verloren gehen. Ohne eine kaufbereite Mittelschicht funktioniert das gängige Bäckereimodell nicht mehr. Wir werden also wieder etwas lauter werden müssen. Allein schon, weil sich so eine Bäckerei nur schwer ins Ausland verlagern lässt.