Dass sich die bekannte große deutsche Tageszeitung mit den vier Buchstaben für nichts zu schade zu sein scheint, lässt sich häufig verfolgen. Aber auch die Funke-Mediengruppe, zu der immerhin renommierte Titel wie die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) oder die Berliner Morgenpost zählen, veröffentlicht Nachrichten, die wenigstens irreführend sind. So gehört zum Funke-Universum auch eine Onlineplattform, die sich „Der Westen“ nennt. Hier war Ende Oktober eine Überschrift zu lesen: „Kostet das Brötchen bald 1 Euro? Bäcker klagt über heftige Zustände: ‚Bleibt gar kein anderer Weg’.“ Schon die Überschrift suggeriert, dass es gar nicht anders ginge, als bald einen Euro fürs Brötchen bezahlen zu müssen. Im Beitrag selber geht es dann um einen Bäcker in Essen, der berichtet, dass er wegen steigender Rohstoffund Energiekosten seine Preise werde anziehen müssen. So weit so gut. Vom Ein-Euro- Brötchen spricht er nicht und schon gar nicht davon, dass daran kein Weg vorbeiführe. Im Gegenteil: „Im Moment denken wir über zehn Prozent (…)“ Preiserhöhung beim Brötchen nach, zitiert Der Westen. Wie vor diesem Hintergrund die Überschrift entstand, entzieht sich meiner Kenntnis. Allerdings hatte die oben schon erwähnte (ich nenne sie mal) Zeitung mit den vier Buchstaben vor ein paar Tagen über Ein-Euro-Brötchen schwadroniert. Anlass war wohl eine Meldung des Statistischen Bundesamtes, wonach die Bäcker im Vergleich zum Vorjahr durchschnittlich 34,4 Prozent mehr für ihr Mehl zahlen müssen. Was so dramatisch klingt, hat aber – das wissen wir alle – nur wenig Auswirkungen auf den tatsächlichen Brötchenpreis. Wenn wir von 35 Gramm Mehl pro Brötchen ausgehen, dann kostet uns und das Mehl im Brötchen 1,2 Cent. Wohlgemerkt nach der Erhöhung um 34,4 Prozent. Vorher waren es 0,9 Cent. Diese Werte sind gerundet und weichen bestimmt beim einen oder anderen ab, aber sie vermitteln ein Gefühl für den Anteil der Mehlkosten beim Brötchen. Um die Diskussion um den Zusammenhang von gestiegenen Mehl- und Brötchenpreisen ad absurdum zu führen, ließe sich nachrechnen: Wenn der Mehlpreis jedes Jahr um ein Drittel stiege, wie offensichtlich geschehen, dann wäre der Preis von einem Euro pro Brötchen rasch erreicht. Etwa im Jahr 2.220 nach Christus. Ausgehend von einem derzeitigen Stückpreis von 40 Cent und ohne Rücksicht auf die Inflation. An dieser Spitzfindigkeit wird klar: Der Mehlpreis ist nicht der Hauptgrund für teurere Backwaren. Aber es gibt andere: Energie und Personal. In der Hoffnung darauf, dass Präsident Putin den Gashahn weiter aufdreht, gehe ich davon aus, dass der Gaspreis wieder sinken wird. Aber die steigenden Personalkosten bleiben. Vor einigen Jahren sah es noch so aus: Die Arbeitgeber konnten sich aus vielen Bewerbern einen vermeintlich passenden aussuchen. Heute ist es umgekehrt: Die Arbeitnehmer suchen sich einen attraktiven Arbeitgeber aus. Und weil Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen, wird gutes Personal, ganz zu schweigen vom Fachpersonal, teuer. Das treibt den Preis, auch den für Backwaren, in die Höhe. Aber wann sollte es für uns Bäcker einfacher sein als jetzt, diese Steigerung zu begründen? Gerade noch hat die versammelte Nation festgestellt, dass das Bäckerhandwerk systemrelevant ist – da könnte doch jeder Verständnis dafür haben, dass wichtige Arbeit gut bezahlt werden sollte. Wertschätzung muss sich nicht immer monetär ausdrücken. Hier wäre es aber mal an der Zeit. Das sollten wir unseren Kunden vermitteln. Das ist glaubhaft und nachvollziehbar. Preissteigerungen lediglich mit höheren Mehlkosten zu begründen, ist hingegen Geschwafel.