Achtung: Dies ist eine Kolumne. Eine provokante Meinung ist beabsichtigt – sollte dies zu gesteigertem Unwohlsein führen, fragen Sie bitte Ihren Arzt, Ihre Ärztin oder in der Apotheke. Alternativ können Sie es einfach aushalten. Da ist auch schon das erste Stichwort: aushalten. Ich bin ein großer Freund davon. Tatsächlich. Wenn ich im Zug sitze und hinter mir ein Kleinkind unablässig gegen meinen Sitz tritt, dann halte ich es aus. Wenn ich meinen Schirm vergessen habe und es zu regnen beginnt, dann halte ich es aus. Wenn mein Handy plötzlich keinen Akku mehr hat, dann halte ich es aus. Im Grunde meines Herzens bin ich also ein sehr toleranter Mensch. Umso passender ist es, dass sich der lateinische Begriff „tolerare“ mit ertragen, erdulden und eben aushalten übersetzen lässt. Natürlich ist es nicht leicht, ein leeres Handy, Regen ohne Schirm oder Kinder, die meine Geduld strapazieren, einfach hinzunehmen. Es kostet Mühe, manchmal viel Mühe. Was ich allerdings weder aushalten kann noch will, sind Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Sexismus. Auch politische Ideen, die an 1933 erinnern, oder eine nationalistische Weltsicht sind für mich unerträglich. Ebenso wenig kann ich die Vorstellung ertragen, dass die einfachsten Lösungen automatisch die besten seien. Wenn ich diese Liste betrachte, erscheint sie wie ein Blick in das Wahlprogramm jener Partei, die sich selbst als „Alternative“ bezeichnet. Ihre Botschaft lässt sich auf eine simple Formel reduzieren: Ausländer raus, Frauen an den Herd, Deutschland raus aus der EU und zurück zur D-Mark. Noch problematischer wird es, wenn man sich vor Augen führt, was der Faschist Bernd Höcke 2018 schriftlich festhielt: Das Problem sei, dass Hitler als absolut böse dargestellt werde. Es gibt viele Gründe, warum diese Partei in mehreren Bundesländern vom Verfassungsschutz als „rechtsextremer Verdachtsfall“ oder gar „gesichert rechtsextrem“ eingestuft wird. Trotzdem liegt sie in aktuellen Umfragen zur Bundestagswahl bei über 20 Prozent. Das ist erschreckend, aber nicht unerklärlich. Enttäuschung, Frustration, Zukunftsängste und Unsicherheit sind zentrale Faktoren. Gleichzeitig muss man sich eingestehen, dass die demokratischen Parteien es nicht geschafft haben, sich entschieden genug gegen die apokalyptischen Szenarien der sogenannten „Alternative“ zu stellen. Viel zu oft haben sie sich in parteipolitischem Klein-Klein verzettelt, anstatt das große Ganze im Blick zu behalten. Es gibt genügend Gründe, die Ampel-Regierung oder auch die Merkel-Jahre zu kritisieren. Die Digitalisierung wurde verschlafen, die Energie-Abhängigkeit von Russland wurde in Kauf genommen, die Infrastruktur wurde kaputtgespart. Bildungs-, Gesundheits- und Pflegesystem sind in vielen Bereichen marode. Diese Liste ließe sich problemlos fortsetzen. Aber nicht einer dieser Gründe würde mich dazu bringen, eine rechtsextreme Partei zu wählen. Statt die Angstmacherei rechter Demagogen einfach hinzunehmen, sollten wir die Realität dagegenhalten. Das Bäckerhandwerk ist ein gutes Beispiel. Wo stünde es, wenn ein großer Teil der Mitarbeiter „remigriert“ werden müsste? Wer glaubt ernsthaft, dass wir auf nur einen einzigen Kollegen oder eine einzige Kollegin mit Migrationshintergrund verzichten könnten? Ganz im Gegenteil: Wir sind auf sie angewiesen. Ähnlich realitätsfern ist die Idee eines angeblich klassischen Familienbildes, in dem der Vater arbeitet und die Mutter zu Hause bleibt. Wer soll dann eigentlich in den Bäckereien stehen und die Kunden bedienen? Genauso absurd ist der Umgang der Partei mit dem Thema Energie. Die Parteivorsitzende bezeichnet Windkraftanlagen als „Windmühlen der Schande“ und will stattdessen auf Atomkraft setzen. Allerdings kann sie nicht sagen, wo neue Kraftwerke gebaut werden sollen, wer sie bezahlen, betreiben und versichern soll, woher das Uran kommen oder wo der Atommüll gelagert werden soll. Wer nur einfache Lösungen zu bieten hat, hat in Wahrheit gar keine. Natürlich gibt es große Herausforderungen, die dringend gelöst werden müssen. Doch die rechtsextremen Hornochsen sind dazu am allerwenigsten in der Lage. Wenn sie wirklich etwas bewegen wollen, dann sollten sie höchstens einen Pflug über ein Feld ziehen. Damit wären sie auch endlich wieder in der Zeit angekommen, in der sie sich mutmaßlich am wohlsten fühlen.