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Service schlägt Reichweite

Sie spielen mit dem Gedanken, in elektrifizierte Transporter zu investieren. Dafür verdienen Sie ein Schulterklopfen: Die Umwelt profitiert, und wirtschaftlich ist diese Entscheidung nach dem Sprung über die hohen Anschaffungskosten langfristig sinnvoll. Doch welche Marke soll es sein? Womöglich hörten Sie Ende April dieses Jahres die Nachricht von einer Automesse in Peking: Der chinesische Hersteller Contemporary Amperex Technology (CATL) will eine Batterie mit hoher Energiedichte und hohen Ladeströmen entwickelt haben, konkret: 1.000 Kilometer Reichweite, und das in unter 17 Minuten geladen, angeblich. Weil die heimische Autoindustrie bei E-Mobilität gefühlt mit angezogener Handbremse fährt, liebäugeln Sie mit einem chinesischen Wagnis. Das ist bei allen Innovationen aus dem Reich der Mitte nachvollziehbar, und wäre doch ein riskanter Schritt. Denn weder Reichweite noch Ladegeschwindigkeit sollten für Ihre Bäckerei entscheidende Merkmale darstellen. Service ist Trumpf! Abgesehen vom Misstrauen, das bei Reichweitenversprechen der Autokonzerne jedweder Herkunft angeraten ist, bleibt eines klar: Mit Kilometern lässt es sich kalkulieren. Routen zu Ihren Standorten können Sie nach einigen Testfahrten mit Blick auf den Batteriestand austüfteln. Bestenfalls legen Ihre Transporter an eigenen Ladesäule vor Ort während des Verladens der Backwaren ein paar Kilowattstunden nach. Weniger Herr der Lage sind Sie dagegen, wenn Ihr E-Transporter an einem Defekt leidet. Dann nämlich sind Sie auf fachkundige Hilfe von Händlern und Werkstätten angewiesen. Chinesische Hersteller bauen Ihr Vertriebsnetz aber gerade erst auf, schlicht weil sie vergleichsweise jung sind und zudem den europäischen Markt erst seit wenigen Jahren erschließen. Einen kompetenten Partner für Ihr chinesisches Modell zu finden, bedeutet unter Umständen einen Kraftakt. Deutschland dagegen gilt (noch) als Autoland schlechthin, mit etablierten Marken, die teilweise auf über ein Jahrhundert Erfahrung zurückgreifen. Entsprechend ist hierzulande die Infrastruktur jener Konzerne ausgebaut. Für viele Marken des europäischen Auslandes gilt das grundsätzlich ebenso. Die Nähe zur nächsten Werkstatt macht im Zweifelsfall den Unterschied, wenn’s bei der Reparatur schnell gehen muss. Natürlich muss es immer schnell gehen. Benötigt Ihr chinesischer E-Transporter nun ein Ersatzteil, könnte eine weitere Überraschung auf Sie warten. Insbesondere bei Karosserieteilen müssen Kunden unverhältnismäßig lange Standzeiten in Kauf nehmen, berichtet der ADAC. Bei der heimischen und europäischen Autoindustrie können Sie dagegen auf ausgebaute Netze von Ersatzteillagern und Lieferketten bauen. Hinzu kommt, dass wir an Autohersteller gewöhnt sind, die ihre Marktbeständigkeit oftmals schon vor der Geburt unserer Eltern unter Beweis stellten. Trotz der Behäbigkeit in Stuttgart, München und Wolfsburg ist nicht damit zu rechnen, dass einer der Großen allzu bald in die Knie geht. Auf dem chinesischen Markt sieht das anders aus: Schon die nationale Konkurrenz in Fernost treibt die Unternehmen zu marktwirtschaftlich riskanten Manövern. Zwangsläufig werden wir in den kommenden Jahren eine Marktbereinigung erleben. Zählen Sie zu den Kunden eines Verlierers, wird die Luft dünn beim Einfordern von Garantieansprüchen und der Suche nach Ersatzteilen. Da ließe sich einwenden, dass chinesische Hersteller um den Nachholbedarf in Sachen Service wissen. So ist Maxus aktuell mit rund 130 Standorten in Deutschland vertreten. Der Konzern aus Shanghai vermeldete im April 2024, diese Zahl bis Jahresende auf 180 erhöhen zu wollen. Das klingt allerdings nur so lange vielversprechend, bis man die Zahlen nationaler Platzhirsche dagegenhält. Volkswagen kommt in Deutschland auf weit über 1.000 Standorte – allein für Nutzfahrzeuge. Klar ist am Ende, dass nationale und europäische Autokonzerne im Bereich E-Mobilität erheblich unter Zugzwang stehen, maßgeblich durch den Innovationsdruck aus China. Auf Jahre hinaus bleiben alteingesessene Marken beim Service jedoch der verlässlichere Partner. Für Bäckereien, angewiesen auf kurze Reparaturzeiten, ein schlagendes Kriterium. Leider, möchte man bei der Schwerfälligkeit von VW, Mercedes und Co. fast sagen.