Im Frühjahr hatte ich das große Vergnügen, die Sachsenback in Dresden besuchen zu dürfen. Zwar geht so ein handelsüblicher Messetag bis etwa 18 Uhr – wovon ich auch keine Minute missen möchte –, aber er startet auch erst um 9 Uhr. Das bedeutet, mir als leidenschaftlichem Frühaufsteher blieb noch Zeit, vor der Messe Dresden zu erkunden. Vor allem, weil das Messegelände in lediglich zehn Minuten vom Bahnhof zu erreichen ist. Einfach in die Straßenbahnlinie 10 einsteigen, und schwups ist man über die Stationen Budapester Straße und Alberthafen an der Messe Dresden. Die ist übrigens in den wunderschönen Gebäuden des historischen Dresdner Vieh- und Schlachthofes untergebracht. Von dieser eher blutig anmutenden Vergangenheit ist aber überhaupt nichts mehr zu spüren. Wie dem auch sei: Bevor die Messe ihre Tore öffnete, war ich schon in Dresden unterwegs. Als ehemaliger und inzwischen auch etwas älterer Theologiestudent zog es mich (natürlich) auch zu den berühmten Kirchen der Stadt. Allen voran die Frauenkirche mit ihrer bewegten Geschichte. Als ich allerdings dort ankam, war sie leider noch nicht geöffnet. Dabei hatten wir doch schon 7:15 Uhr. Anders bei der großen Residenzkirche, auch Hofkirche genannt. Hier ging gerade ein katholischer Gottesdienst los, den ich mir als neutraler (weil evangelischer) Beobachter anschauen wollte. Ich erlebte ein bemerkenswertes, ja effizientes Beispiel der Retourenpolitik: Noch vor Beginn der Frühmesse gingen die (tatsächlich) zahlreichen Besucher zu einem kleinen Tisch an der Seite des Kirchenschiffs. Dort legten sie etwas aus einer Schale in eine andere – mit der Gebäckzange. Was es genau war, konnte ich leider nicht erkennen. Erst im weiteren Verlauf wurde es mir klar. Als es zum Abendmahl kam (was die Katholiken Eucharistie nennen und bei der Brot und Wein zu Leib und Blut Christi gewandelt werden – wie auch immer das geschieht), holte ein Messdiener jene Schale, die die Besucher zu Beginn so eifrig gefüllt hatten. Nun wurde es mir klar: Darin befanden sich die Hostien, die der Priester nun wandeln würde – wie gesagt: wie auch immer. In jedem Fall ist dieses gewandelte Brot sehr wertvoll für die katholischen Brüder und Schwestern. Davon darf nichts verschwendet werden oder übrig bleiben. Darum hat jeder Besucher eine Hostie von links nach rechts gelegt und auf diese Weise dafür gesorgt, dass genau so viele Hostien gewandelt werden, wie bei der Eucharistie gebraucht werden. Als ich das erkannt hatte, meldete sich ein kleiner imaginärer Martin Luther auf meiner Schulter und schlug mir vor, mich unter die Eucharistiegäste zu mischen und dann genau auf die Reaktion des letzten Gastes zu achten … Aber ich verwarf diese Idee im Sinne der gelebten Ökumene und stellte mir stattdessen vor, was diese Praxis für das Bäckerhandwerk bedeuten würde: Die Retourenquote fiele gen null, und trotzdem wären alle Kunden glücklich und zufrieden, weil sie genau das be- kommen hätten, was sie gewollt haben. Es wäre allerdings ein ziemlicher Betrieb des Nachts in den Backstuben, wenn die späteren Kunden ihre Teiglinge vom einen in den anderen Stikkenwagen legen müssten. Na ja, vielleicht sind die Katholische Kirche und das Bäckerhandwerk auch nicht zu vergleichen. Auf der einen Seite uralte Traditionen, fast schon dogmatische Riten sowie ein Veränderungswille, der einem massiven Granitblock ähnelt, und auf der anderen Seite… Ok, suchen Sie sich selbst aus, was auf der anderen Seite steht.