Wissen Sie, was ich wirklich gern mache? Ganz genau, Radiohören – woher haben Sie das denn gewusst? Egal, ob früher in der Backstube oder heute auf dem Weg zu einer Reportage. Meist läuft im Hin- tergrund das Radio. Gern Musik – von Klassik bis Pop –, aber auch immer wie- der Beiträge zur Politik, zur Gesellschaft oder zur Kultur. Nicht, dass ich so wis- sensdurstig wäre. Aber ich lasse mich gern überraschen, und ich verstehe gern Zusammenhänge. Darum kann ich auch mit Social Media nicht so viel anfangen. Da überrascht micht nur Weniges. Klar: Der Logarithmus erkennt, was ich mir länger ansehe und schlussfolgert daraus, dass mich das interessieren könnte. Ein- mal zu lange die fünf verrücktesten Elf- meter der Fußballgeschichte bewundert, und schon bekomme ich einen Strafstoß nach dem anderen serviert. Im Anschluss dann die zehn besten Torwartparaden – um da etwas Varianz reinzubringen. So stelle ich mir das mit meinen laienhaften Social Media-Kenntnissen wenigstens vor. Ein ausgefuchstes Schlitzohr, dieser Logarithmus. Passgenau und individuell zeigt das Schlitzohr genau das, was der User, also ich oder auch mein Nachbar, wahrscheinlich sehen will. Aber überra- schend ist das überhaupt nicht. Vielleicht bin ich ja ein großer Freund von Shake- speare oder vom Synchronschwimmen, habe das jedoch beides noch nicht für mich entdeckt – das Schlitzohr bringt mich da nicht drauf. Stattdessen fliegen mir nur die Fußbälle um die Ohren und „Der Kaufmann von Venedig“ oder grazile Wasserakrobatik bleiben mir verborgen. Welch ein Verlust. Fachleute sprechen von der sogenannten Bubble, also Bla- se, in der man bleibt. Da drin erfahre ich nur, was ich erfahren soll. Und alles nur, damit ich den kalten Glasbarren (mein Smartphone) nicht aus der Hand lege und Instagram, Twitter und Konsorten mich möglichst lange mit ihrer Werbung bombardieren können – um damit or- dentlich Kohle zu verdienen. Dann doch lieber Radio. Da schalte ich ein und lerne plötzlich etwas über Quantensprünge, lande in einem katholischen Gottesdienst (und das, wo ich doch evangelisch bin), oder ich muss anerkennen, dass Miley Cyrus eine echt krasse Stimme hat – wenn man bedenkt, dass sie früher Han- na Montana war. Wem der letzte Halbsatz nichts sagt, empfehle ich, Radio zu hö- ren, denn genau das habe ich da gelernt. Ob es mir etwas nützt, wird sich noch erweisen, aber wenigstens bin ich Andi Brehme und Oliver Kahn entkommen. Nicht alles, was ich höre, bringt mich tat- sächlich weiter. Manchmal muss auch ich mir einen anderen Sender suchen – ja, ich bin auch schon dem Schlagerradio be- gegnet. Was fürs Radio gilt, stimmt auch im Bäckerleben: Bleiben Sie nicht in Ih- ren vier Wänden. Schauen Sie sich um! Sei es auf den großen Messen (die Iba in Düsseldorf haben Sie knapp verpasst, aber die nächste Hausmesse Ihres Groß- händlers kommt bestimmt), oder suchen Sie sich einen Erfa-Kreis. Im eigenen Saft zu schmoren, ist nur eine gute Idee, wenn Sie das Dasein eines Bratens fristen wol- len. Ich plädiere dafür, Augen und Ohren offenzuhalten, denn das gewährleistet, dass auch das Herz offenbleibt. Wer sich auf Anderes und Neues einlässt, wer die eigene Bubble verlässt, kann lernen und für sich entdecken, vielleicht Gefallen fin- den. Und wenn das nicht gelingen sollte, drehen Sie einfach zum nächsten Sender.