Pünktlich zum Start des neuen Jahres bekamen wir eine Nachricht von einer befreundeten Bäckerin. Sie fragte, ob sich das Bäckerhandwerk an den Aktionen der Bauern beteiligen wolle. Allein würde sie ihre Filialen nicht schließen, aber wenn die Branche mitzöge, sei sie selbstverständlich dabei. Wir nehmen das als Zeichen, dass es im backenden Mittelstand immer noch brodelt und man weiter nicht bereit ist, die wirtschafts- und realitätsfeindliche Politik der Bundesregierung zu akzeptieren. Bis zu einem Streik wollte man im Bäckerhandwerk indes nicht gehen. So erklärte sich zum Beispiel der Bäckerinnungsverband West in zwei Mitteilungen auf Basis der Postion des Zentralverbandes mit den Bauern solidarisch, Betriebe können sich beim Zentralverband eine Plakatvorlage „Ohne Bauern keine Bäcker“ herunterladen. Gleichzeitig rief der Verband die Bäcker aber auch dazu auf, keine Filialen zu schließen oder sich gar an widerrechtlichen Aktionen zu beteiligen – wobei Letzteres ja eine Selbstverständlichkeit ist. Der Landesverband nahm Bezug auf den Zentralverband des deutschen Bäckerhandwerks, eine entsprechende Presseerklärung haben wir auf dessen Website aber nicht gefunden. Auch auf der Startseite war nichts vermerkt, dort freute man sich in der letzten veröffentlichen Meldung darauf, auf der Grünen Woche zusammen mit Landwirtschaftsminister Cem Özdemir das Brot des Jahres vorzustellen. Die Position des Zentralverbandes fanden wir schließlich unter „Aktuelle News“. Das macht ein wenig den Eindruck, als wolle man die Solidarität dann doch nicht an die ganz große Glocke hängen und Spötter mögen sich an den alten Spruch „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“ erinnert fühlen. Realistischerweise muss man eingestehen, dass das Bäckerhandwerk sich auch unter dem neuen Präsidenten Roland Ermer in einer unbequemen Zange sieht: Auf der einen Seite steigt die Unzufriedenheit an der Basis, auf der anderen Seite möchte man die Politik nicht verärgern, die in vielen Fragen am längeren Hebel sitzt und das Bäckerhandwerk leicht mit noch ein paar Nadelstichen mehr piesacken könnte.
Vorsichtige Naturen in der Verbandsorgansiation dürften sich von der massiven Regierungs- Kampagne, mit der die Bauern in eine rechtsverschwörerische Ecke gedrängt werden sollen, bestätigt sehen. Dabei haben die Landwirte mit ihrem Protest nicht unrecht: Anders als allgemein behauptet, geht es nicht um die Rücknahme einer Subvention. Die Mineralölsteuer ist seit ihrer Einführung im Jahr 1930 eine Steuer zum Straßenunterhalt. Wer viel auf der Straße unterwegs ist, soll auch viel für ihre Unterhaltung bezahlen. Nun sind Trecker, wenn sie nicht gerade vor dem Reichstag als Demofahrzeuge eingesetzt werden, meist auf den Feldern der Bauern unterwegs. Die Landwirte sehen sich also einer massiven Steuererhöhung ausgesetzt. Das geht in der öffentlichen Diskussion merkwürdigerweise weitgehend unter. Ein bisschen haben wir allerdings unsere Zweifel, ob der Regierungstrick, aus jeder Kritik eine Reichsbürgerrevolte zu machen, noch lange funktioniert.
Dirk Waclawek, Chefredakteur