Es gibt da eine charmante wie treffende Überlegung: Wenn du doof bist, ist das genauso wie wenn du tot bist: Du selbst bekommst es nicht mit, nur für dein Umfeld ist es irgendwie suboptimal. Was dieser eher theoretische Gedanke in der Praxis, also im wahren Leben, bedeutet, erfahre ich gerade schmerzhaft am eigenen Leib. Ich habe da diesen Nachbarn, der offensichtlich ein großer Freund des Weihnachtsfestes ist. Und seiner Freude verleiht er durch blinkende Lichter Ausdruck. Sehr viele blinkende und zu allem Überfluss bunte Lichter. Seit Mitte November ist sein Haus, das unglücklicherweise gegenüber unserem Wohnzimmer liegt, mit so vielen Lichtern geschmückt, dass man es – da bin ich mir ziemlich sicher – von der Raumstation ISS aus sehen kann. Die kreist immerhin in 408 Kilometern Höhe um die Erde. Diesen luxuriösen Abstand hat mein Sofa leider nicht von diesem Lichtermeer. Stattdessen setze ich, sobald es dämmert, meine Sonnenbrille auf. Ich hatte schon damit gerechnet, meine Heizung komplett ausschalten zu können und stattdessen von der Abwärme jener Lichter zu zehren, die heizkugel- gleich direkt hinter dem viel zu niedrigen Gartenzaun brutzeln. Aber Lebkuchen – nein: Pustekuchen! Der Sausack von Nachbar entpuppt sich als Stromspar- Fuchs, denn er verwendet ausschließlich LED-Lichter. Die verbrauchen nur einen Bruchteil des Stroms herkömmlicher Glühbirnen, strahlen praktisch (leider) keine Wärme ab und können außerdem die Farbe wechseln. Klasse – meine ver- narbten Netzhäute freuen sich über et- was Abwechslung. Was mich aber am meisten wurmt: Der Nachbar bekommt von diesem diabolischen Lichter-Inferno selbst kaum etwas mit. Er sitzt in seiner Wohnung wie im Auge des Sturms – nur dass es dort nicht ruhig, sondern schattig ist. Ich hatte schon überlegt, meinerseits ein paar Baustellenscheinwerfer in weihnachtlicher Vorfreude auf seine Fenster zu richten und anschließend bei ihm zu klingeln. Dann würde ich ihm freundlich die Frage stellen, die auch mein Vater gern stellt, wenn er vermutet, dass sich sein Gesprächspartner die Schnürsenkel nicht selbst zugebunden hat: „Samma, merkste noch watt?“ Aber ich sehe da- von ab. Nicht, weil ich den adventlichen Frieden nicht stören will, sondern weil ich befürchte, dass der Nachbar tatsäch- lich nichts mehr merkt. Zumindest kann er sich offensichtlich nicht gut in andere hineinversetzen. Könnte er es doch, hätte er nicht die gesamte chinesische Lichterkettenproduktion von 2024 an seine Außenfassade getackert. Er kann sich nicht vorstellen, dass die Nachbarn seine Obsession für blinkendes, buntes Licht nicht teilen. Aber was tun mit Menschen, die so empathisch sind wie ein Stein. Viel- leicht doch die Konfrontation suchen und ein noch infernalischeres Lichter-Arma- geddon im nächsten Jahr riskieren? Oder eher nach dem Motto verfahren: Augen zu – beziehungsweise Rollo runter – und durch? Meiner Erfahrung nach ist es schwierig, andere Menschen zu ändern. Einfacher ist es, den eigenen Umgang mit ihnen zu überprüfen. Mein Weihnachts- wunsch für Sie und mich: Mögen wir es schaffen, die Welt durch die Augen unserer Familie und Freunde, unserer Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter zu sehen, um ihre Bedürfnisse besser mit unseren in Einklang bringen zu können – mit aller nötigen weihnachtlichen Großzügigkeit. Nach diesem Wort zum Sonntag entschuldigen Sie mich bitte: Ich muss dringend eine drei Meter hohe, blickdichte Hecke pflanzen.