Darauf ein Pülleken

Darauf ein Pülleken

19.11.2023 | Christian Bremicker

Nichtsahnend ging ich neulich durch den Su- permarkt, als es mir plötz- lich ins Auge fiel: Im Regal lag ein „Lion-Riegel“ to go. Es wurde mir bewusst, dass ich in der Vergangenheit die völlig falschen Überlegungen angestellt hatte. Nicht darüber, ob ich mir einen solchen Rie- gel gönne, hätte ich nachdenken sollen, vielmehr hätte das Wie im Mittelpunkt stehen sollen. Wäre mir doch nur klar gewesen, dass diese Süßigkeit auch to go verzehrt werden darf! Jetzt bin ich klüger. Auch habe ich inzwischen ver- standen, dass das, was auf einem Pro- dukt steht, überhaupt nichts mit dem Produkt selber zu tun haben muss. Es gibt im Ruhrpott einen blau-weißen Ver- ein, der zuletzt erschreckend wenig mit seinem eigentlichen Ursprung, nämlich dem Fußball, zu tun hatte. Ich denke an den FC Schalke. Dieser hat unter ande- rem einen großen Sponsor, nach dem so- gar das Stadion benannt ist: Veltins. Zu den vielen unterschiedlichen Bier-Sorten der Brauerei zählt auch das sogenann- te „Pülleken“. Im Ruhrgebiet ist dies eine kleine Pulle, also eine kleine Flasche. Grundsätzlich eine sympathische Idee, wie ich finde. Dazu der Werbespruch: „Komm, wir trinken noch ein Pülleken“, und schon hat man die hart arbeiten- den Kumpel vor Augen, wie sie sich ein Feierabendbier gönnen. Dass aber ge- rade diese Sorte nun auch in der Dose angeboten wird, halte ich wenigstens für gewagt. Sich auf ein Pülleken zu freuen und dann ein Dosenbier zu bekommen – ich weiß ja nicht. Ein weiteres Beispiel aus der Reihe „Beschreibung versus In- halt“: ein chinesisches Restaurant in Münster. Es befindet sich in einer relativ neuen Häuserzeile von etwa 200 Metern Länge. Schnurgerade reiht sich Ladenlo- kal an Ladenlokal und mittendrin jenes Wirtshaus asiatischen Ursprungs, das eigentlich jeden Besucher kopfschüt- telnd zurücklassen müsste. Nicht, dass schon allein das schlichte Vorübergehen ausreicht, um festzustellen, dass es sich um eine jener Glutamat-Festungen han- deln muss, die jedem halbwegs sensiblen Magen auf ebendiesen schlagen. Nein, viel stärker irritierte mich der rot leucht- ende Schriftzug „China Corner“, der über dem Eingang blinkte. Nennen Sie mich empfindlich oder übergeschnappt, aber wie vertrauenswürdig kann ein Restau- rant sein, dass von sich selbst behauptet eine „Corner“ (also eine Ecke) zu sein, nur um dann mittig auf einer langen Gerade zu liegen. Wenn es wenigstens noch Eckkneipen-Charakter gehabt hät- te! Aber so? Habe dann zum Mittag ein belegtes Brötchen gegessen. Doch nicht nur bei solchen Gelegenheiten fällt auf, dass manchmal etwas schiefläuft. Ein Schokoriegel, der auch unterwegs ver- zehrt werden darf? Alle Achtung! Ein Pül- leken Bier aus der Dose genossen? Sa- genhaft. Und eine „China Corner“ ohne Ecken und Kanten – wunderbar. Im Journalismus nennt man so etwas „Text- Bild-Schere“. Dabei passen Text und Bild nicht zueinander, sie gehen wie eine Schere auseinander. Wie sehr Anspruch und Wirklichkeit voneinander isoliert sein können, machte mir damals auch eine Lebensmittelkontrolleurin in der Backstube klar. Auf meine Klage, dass die Bürokratie langsam zu viel werde, riet sie mir, doch einfach noch jemanden einzustellen, der mich dabei entlasten könne. Daraufhin schenkte ich ihr einen Schokoriegel, der auch unterwegs ver- zehrt werden darf, denn sie musste sehr schnell gehen. Und ich war reif für eine kleine Flasche Bier bei meinem Liebling- schinesen.


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