Es ist noch gar nicht lange her, da erlebte ich eine Situation, die mancher bestimmt noch aus einer Werbung aus den 90er-Jahren kennt. Also den 1990ern. Zwei Schulfreunde treffen sich nach Jahren wieder und berichten, wie es ihnen ergangen ist. Das mündet dann in den fast schon ikonischen Worten: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot!“ Diese Chiffre für den Kapitalismus ist übrigens von derselben Werbeagentur entwickelt worden wie der nicht weniger bekannte Slogan „Geiz ist geil“. Wer sich also als rückgratloses Fähnlein im Wind versteht, dürfte in der Werbe- industrie seinen Platz finden. Oder – so behaupten es böse Zungen – in der baye- rischen Staatskanzlei. Aber ich drifte ab. Um genau dieses Übertreffen-Wollen aus der anfangs erwähnten Werbung ging es bei mir plötzlich auch, als ich einen alten Bekannten traf – nennen wir ihn Andreas. Ich berichtete von einem Piz- zateig, den ich 48 Stunden hatte reifen lassen. Sein Pizzateig hatte (selbstverständlich) 72 Stunden zur Aroma- und Geschmacksentwicklung bekommen. Im Anschluss hatte ich den Teig belegt und bei über 300 Grad Celsius abgebacken, Andreas bei über 400. So ging das weiter, und es wurde schlimmer. Plötzlich begann er, mir die unterschiedlichsten Dinge zu erklären. Und dagegen habe ich prinzipiell gar nichts. Ich höre gern mal zu – da kann man nämlich noch et- was lernen. Schließlich habe ich in vielen Angelegenheiten wenig mehr als gefähr- liches Halbwissen anzubieten. Also hör- te ich zu und bereute es fast umgehend, denn Captain Obvious hatte zur großen Rede angesetzt. Wo ist nur der Knebel, wenn man ihn einmal braucht? Ein in seinem Mund versenktes Fischbrötchen hätte es wahrscheinlich auch getan. Lauter Selbstverständlichkeiten, redun- dante Nichtigkeiten und Erkenntnisse, die mein Halbwissen kaum überstiegen. Wenn überhaupt. Irgendwann hatte ich verstanden, dass nach dem Einatmen zwingend das Ausatmen kommen muss, und auch den Nutzen der Weltneuheit „Bleistift“ hatte ich schließlich begriffen. Als alles vorüber war, tat ich das, was ein Mann in solchen Fällen tun muss: Er beklagt sich bei seiner Frau. Gesagt, ge- klagt. Und meine Frau, die Richtschnur meines Handelns, der Tanzboden meiner Inspiration, das Ziel meiner Sehnsüchte, hörte sich mein Klagelied an und schwang anschließend eine solche verbale Keule, dass ich mir umgehend den Schwätzer von vorhin zurückwünschte. Sie sagte: „Aber das machst du doch auch. Sogar beruflich.“ Als sie merkte, dass ich mich von diesem Schlag in die Magengrube nur schwer erholte, relativierte sie ihre These – etwas. „Na ja, du erklärst in deinen Fachthemen doch auch ständig irgendwelche Dinge!“ Ja, das tue ich. Aber ich lege großen Wert da- rauf, dass ich selbst verstehe, worum es geht, und ich bemühe mich stets um die Perspektive des Lesers, also des Bäckers. Beides Dinge, die ich bei Andreas nicht entdecken durfte. Wirklich nicht. Und dennoch gibt mir dieser (nennen wir es) Impuls zu denken. Schließlich können Sie, die Leser, viel von mir lesen, aber was Sie davon halten, erfahre ich nur selten. Deswegen: Bitte lassen Sie nicht zu, dass ich Ihr persönlicher Andreas bin! Und meine werten Kollegen möchten das mit Sicherheit auch nicht sein. Wenn Sie Kritik oder Redebedarf haben, wenn Sie Themen bearbeitet sehen möchten, melden Sie sich bei mir. Ich freue mich über Rückmeldungen. Ganz ohne Knebel und Fischbrötchen. Versprochen.
Kommentare |




















