Magier und Teufelskerle

Magier und Teufelskerle

21.04.2026 | Christian Bremicker

Gemeinhin wird dem Menschen empfohlen, sehenden Auges durch die Welt zu gehen – man könne doch so viel Schönes entdecken. Da ist bestimmt etwas Wahres dran, und so versuche ich auch bei Reportagen bei interessanten Bäckern, alles zu entdecken, was ein Foto wert ist. Dabei wurde ich auch noch nie enttäuscht. Allerdings kam mir neulich ein Gedicht zu Ohren, das genau in die andere Richtung zielt: „Ein Mensch sieht in der Straßenbahn der Reihe nach die Leute an: Jäh ist er zum Verzicht bereit auf jede Art Unsterblichkeit.“ Diese Zeilen von Eugen Roth, einem Münchner Lyriker aus dem 20. Jahrhundert, der mit seinen „Ein Mensch“-Gedichten zu den meistgelesenen Dichtern seiner Zeit gehörte, zeigen, dass nicht alles eitel Sonnenschein ist, was man entdecken kann. Übrigens muss man für diese Erkenntnis nicht unbedingt Straßenbahn fahren, ein Besuch im Supermarkt tut es auch. Dort ist mir neulich mal wieder aufgefallen, dass das Sortiment eines namhaften Kaffeeherstellers die genau gegenteilige Entwicklung genommen hat als das von Handwerksbäckern. Gut erinnere ich mich noch an das Geschäft meines Opas, in dem er nicht nur frische Backwaren, sondern auch ein vielfältiges Angebot an Handelswaren vorhielt. Von Marmelade über Kaffeefilter bis hin zu Schokoriegeln. Meine Schwester reklamierte damals immer die von ihr so genannte „Süßigkeitenecke“ für sich. Alles andere war aber frei verkäuflich. Heute beschränkt sich das Angebot von Nicht-Backwaren häufig nur auf die Zeitung mit den vier Buchstaben – was schlimm genug ist. Aber zurück zum Kaffeehändler aus Hamburg. Dieser warb vor einigen Jahren mit dem Slogan „Jede Woche eine neue Welt“ – den ich gern ergänzte mit den Worten: „Die die Welt nicht braucht“. Nicht Kaffee nimmt den meisten Platz in den entsprechenden Regalen ein, sondern allerlei Krams, den man immer schon mal haben wollte. Nicht. Jetzt im Frühling war es offensichtlich mal wieder an der Zeit, die Hobbybäcker abzuholen. Zum Beispiel gab es eine Tortendrehscheibe. Aber nicht zum Zweck der Präsentation, sondern um das Einstreichen der Seite zu erleichtern. Ich habe darüber nachgedacht und musste einsehen: Die Torte lässt sich leichter drehen, wenn sie auf dieser Tortendrehscheibe steht. Allerdings waren meine Torten meist nicht so schwer, als dass ich sie nicht auch ohne Tortendrehscheibe problemlos hätte bewegen können. Anderes Beispiel: eine Zopfmuster-Backform. Darauf muss man erst einmal kommen: Ein Hefezopf in einer Backform! In frühlingsfrohem Gelb gehalten und aus Silikon, zum besseren Herauslösen. Ich habe wieder nachgedacht, aber mir fällt kein Fall ein, in dem ich einen Hefezopf aus irgendetwas hätte herauslösen müssen. Ein Hefezopf wird geflochten, abgestrichen und gebacken. Fertig. Herauslösen muss ich da gar nichts. Letztes Beispiel: ein Teigförmchenformer. Und da habe ich kapituliert. Ich weiß bis jetzt nicht, wozu das Ding gut sein soll. Auch die Bilder auf der Packung haben mir nicht weitergeholfen. Aber was rege ich mich auf. Stattdessen sollte ich mich lieber freuen: Der vielleicht größte Kaffeeröster des Landes macht seinen Kunden weis, dass er zum Backen dieses ganze Zeug benötigt, dass er quasi Raketenwissenschaft anwenden muss, um eine Torte einzustreichen, einen Hefezopf zu backen oder – was auch immer – mit einem Teigförmchenformer zu formen. Was muss der Bäcker für ein Teufelskerl sein, was für ein genialer Magier und begnadeter Handwerker, dass er täglich solch herrliche Backwaren zaubern kann. Und irgendwie stimmt das ja auch.


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