Kommentar: Und plötzlich sind Sie privilegiert

In der mittelständischen Wirtschaft im Allgemeinen und im Bäckerhandwerk im Speziellen hat man in aller Regel keine Zeit für Wortklauberei. Das ist nachvollziehbar und auch sympathisch. Allerdings überlässt man es damit anderen, durch Sinnentstellung die Sprache zu ihrem Vehikel zu machen. Nehmen wir den negativ besetzten Begriff „privilegiert“. Die Aussage einer Wirtschaftswissenschaftlerin, die Autofahrer sollten nicht über die hohen Spritpreise jammern, sie seien ja schließlich schon privilegiert, hat Widerspruch hervorgerufen. Als Gegenargument wurde zum Beispiel angeführt, dass auf dem Land ein Auto nötig sei, um zur Arbeit zu kommen oder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Außerdem verwiesen Kritiker darauf, dass Autos auch in Einkommensklassen verbreitet sind, die man nicht zu den besonders Begüterten zählen kann. An den Einwänden ist nichts falsch. Ich finde nur, dass sie zu kurz greifen. Warum ist der Backstubenleiter, der sich fleißig die Karriereleiter hochgearbeitet hat und jetzt einen schmucken BMW sein Eigen nennt, privilegiert? Ist er bei der Meisterprüfung bevorzugt worden? Hatte niemand sonst die Chance, sich auf den Posten zu bewerben? Standen ihm die Überstunden exklusiv zu? Es scheint sich einzubürgern, wirtschaftlichen Erfolg auf „Privilegien“ zurückzuführen. Das ist natürlich eine bewusste Entstellung der ursprünglichen Bedeutung des Wortes. Plötzlich sind die Leute, die das Land noch einigermaßen am Laufen halten, „privilegiert“ und dürfen sanktioniert werden. Wirkliche Anreize, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen, schafft man damit nicht.
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Autor
Dirk Waclawek
Veröffentlicht am 27.04.2026
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