Ein betriebswirtschaftlicher Berater, der sich inzwischen leider im verdienten Ruhestand befindet, besuchte seine Klienten gerne mit einer Waage im Gepäck. Auf die packte er dann wahlweise einen Snack aus dem Betrieb oder gleich einen kompletten Frühstücksteller. Zuckte der Bäcker dann vor Schreck zusammen, war die Zeit für eine Ermahnung gekommen: „Wer soll das bitte essen? Die Zeiten, als die Kunden im Bergwerk 5.000 Kalorien am Tag verbrauchten, sind schon lange vorbei.“ Allerdings hielt der Schreck zumindest bei den Klienten hier im Ruhrgebiet nach unserer Beobachtung nicht lange vor. Kauft man sich bei den hiesigen Bäckern einen etwas aufwändigeren Bäckersnack, hat man weiterhin ganz schön was in der Hand. Jetzt glauben wir nicht, dass die Kollegen an der Erwartung ihrer Kunden vorbei produzieren. Vielleicht haben die sich ja das proletarische Bewusstsein bewahrt, auch wenn sie nicht mehr im Stahlwerk, sondern in einer Meldestelle für irgendwas arbeiten. Falls man in anderen Regionen der Republik einkauft, fällt jedenfalls auf, dass Kuchenstücke oder Snacks dort bei höherem Preis deutlich kleiner als an der Ruhr ausfallen. So entdeckten wir neulich bei einem Kollegen ein sehr schönes, ideenreich präsentiertes Snacksortiment mit bäckerfreundlichen Preisen und modernen Portionsgrößen. Hatte der Kollege es also geschafft, seine Kunden umzuerziehen? Bedingt. Die Snackbrötchen schienen tatsächlich nicht sehr groß, hatten es aber in sich, die Teigeinwaage lag bei 120 Gramm. Wir erklären das Phänomen mal so: Die Kunden des Bäckers wünschen sich einen dem Aussehen nach kleinen Snack, der aber doch gehaltvoll sein soll. Es ist eben doch eine Stärke des Bäckerhandwerks, dass es anders als die Kollegen von der Systemgastronomie auf regionale Besonderheiten eingehen kann.
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