Ungefragte Vereinnahmung

Ungefragte Vereinnahmung

14.10.2024 | Dirk Waclawek

Der Verband Deutscher Großbäckereien hat in diesem Jahr eine Mitgliederwerbeaktion gestartet. Adressat waren dem Vernehmen nach einige hundert größere  Filialbetriebe, denen man eine Mitgliedschaft bei den Großbäckern nahelegte. Die Aktion sorgte für eine gewisse Aufregung, weil auch ein Präsidiumsmitglied des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks für den Großbäckerverband gewonnen werden sollte. Dass das seitens des Handwerks nicht mit großer Begeisterung aufgenommen wurde, kann man sich vorstellen. Es wurde aber auch kein großes Gewese darum gemacht und die Geschichte abgehakt, Wettbewerb belebt halt das Geschäft. Hinter dem Umwerben der Filialbäckereien steht seitens der Großbäcker allerdings nicht nur der Wunsch nach neuen Beitragszahlern. Vor allem dürfte es um die Klärung der Frage gehen, wer gegenüber der Politik den höheren Marktanteil reklamieren kann. In den aktuellen Presseaussendungen des Großbäckerverbandes finden sich deshalb Formulierungen wie diese:

„Mit ihrem Marktanteil von mehr als 60 Prozent garantierten sie [die Großbäckereien, Red.] eine ungeheure Vielfalt im Angebot. Ohne die Produkte unserer Liefer- und Filialbäckereien würde den Verbraucherinnen und Verbrauchern ein wohlschmeckendes und vor allem gesundes Angebot fehlen.“

Jetzt kann man sich über Marktaneile lange streiten. Frage ist ja schon, ob man nach Menge, nach Umsatz oder vielleicht auch der Zahl der Beschäftigten geht. Dass die Lieferbäcker mengenmäßig sehr stark sind, dürfte niemand bezweifeln. Nicht ganz in Ordnung ist aus unserer Sicht aber die Vereinnahmung der größeren Filialbäcker. Bei denen kennen wir uns in aller Bescheidenheit ganz gut aus und würden uns soweit festlegen, dass hier die Mitgliedschaft in der Handwerksorganisation eher die Regel, die bei den Großbäckern eher die Ausnahme ist. Und wenn die Betriebe Mitglied bei den Großbäckern sind, handelt es sich meist um eine Parallelmitgliedschaft zum Handwerk. Die These ist nicht besonders gewagt, weil sie nicht zu verifizieren ist: Die Großbäcker veröffentlichen die Namen ihrer Mitglieder nicht. Und beim Zentralverband sind bekanntlich nur die Landesverbände Mitglied. Trotzdem mal zum Nachrechnen: Der absolute Marktführer unter den Großbäckern, Harry Brot, kam schon 2022 auf einen beeindruckenden Umsatz von gut 1,2 Milliarden Euro. Allerdings kommen dagegen allein die rund 250 Filialbäcker, die Mitglied bei Stahl oder Inpraxi sind, auf einen Umsatz, der irgendwo zwischen fünf und sechs Milliarden Euro liegt. Zumindest wertmäßig wird sich also der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks  das „Marktführer“-Wäppli ans Revers heften dürfen. Ob das so bleibt, entscheidet natürlich der Wettbewerb.


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