Samstags auf dem Wochenmarkt: Vom Gedanken der Regionalität getrieben stehe ich in der Schlange des Metzgers. Um genau zu sein, bilde ich das Ende der Schlange, und ganz weit vorn steht eine Omma, die das gesamte Sortiment des Fleischerfachgeschäfts ganz neu kennenzulernen scheint – obwohl sie doch schon gefühlte 127 Jahre Zeit dazu hatte. Jetzt steht sie weit, weit vor mir und kann sich nicht entscheiden, ob sie drei oder doch vier Scheiben Jagdwurst nehmen soll. Schließlich hätte sie ja mit vier Scheiben unterm Strich eine mehr. Sie überlegt, fragt nach und diskutiert mit der nicht zu beneidenden Verkäuferin. Als sie dann bei der Mickey-Mouse-Mortadella ankommt, steige ich gedanklich aus und erinnere mich an eine ähnliche Szene neulich beim Bäcker: Wieder stehe ich in der Schlange, leide aber nicht an einer unentschlossenen Omma, sondern beobachte mit Interesse einen älteren Mann, der in eine innige Auseinandersetzung verstrickt ist. Nicht mit den Verkaufskräften oder gar anderen Kunden – stattdessen mit seinem Smartphone. Innerhalb kürzester Zeit wird klar, dass jener Mann ein geschickter Ehemann ist. Geschickt im Sinne von „entsandt“. Offensichtlich durfte er im Auftrag seiner Gattin Kuchen holen, war aber ob der gewaltigen Auswahl unsicher, wofür er sich entscheiden sollte. Jetzt ist der Anruf zu Hause kein Beinbruch. Bevor man(n) etwas Falsches anschleppt, ist es ratsam, sich telefonisch rückzuversichern. Hier jedoch konnte ich das nächste Level dieser Art der Absprache betrachten: Es handelte sich nicht um ein herkömmliches Telefongespräch, wie man es seit Alexander Graham Bell (1847-1922) stationär und seit Martin Cooper (*1928) mobil führen kann, sondern um ein sogenanntes Videogespräch. Der Mann war bemüht, die Linse seines Smartphones den Anweisungen seiner Frau gemäß auszurichten – von der Schwarzwälder Kirschtorte über den Butterkuchen bis zur Mandarinenschnitte. Und ja, die Verkäuferin half auch gern weiter, indem sie nacheinander die einzelnen Kuchenstücke hochhob und damit ins beste Licht rückte, sodass die Ehefrau am anderen Ende der Leitung eine fundierte Bewertung der dargebotenen Köstlichkeiten vornehmen konnte. Meine Bewunderung für die Geduld der Verkäuferin stieg noch weiter, als sie völlig gelassen auch mehrere Kuchenstücke derselben Sorte vor die Kamera hielt, um der Ehefrau einen besseren Vergleich zu ermöglichen. An dieser Stelle wurde mir erneut bewusst, worin die Kunst der Verkaufskräfte liegt: im Umgang mit Menschen. Egal ob dort die unentschlossene Omma vor einem steht oder der zum Erfüllungsgehilfen degradierte Ehemann – mit viel Geduld und Gelassenheit finden sie eigentlich immer einen Weg, die (Back-)Ware an den Mann oder die Omma zu bringen. Mit dieser Erkenntnis erwachte ich aus meinem Tagtraum in der Metzgerschlange, die sich tatsächlich in Bewegung gesetzt hatte. Noch nicht ganz wieder in der Realität angekommen, bemerke ich jene Jagdwurst-Omma, die zielstrebig auf mich zukommt und streng sagt: „Junger Mann, nun gehen Sie doch weiter, Sie halten ja den ganzen Verkehr auf!“ Ich bin mir nicht sicher, aber ich kann mir vorstellen, dass sie im Anschluss ihren Mann angerufen hat, um ihm bei der Kuchenauswahl zu helfen. Wie auch immer: Kommen Sie gut ins neue Jahr und grüßen Sie Ihre bewundernswerten Verkaufskräfte!
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