Wie die Stadt F. mit Unterstützung des Bäckerhandwerks das Weltklima rettet

Wie die Stadt F. mit Unterstützung des Bäckerhandwerks das Weltklima rettet

18.11.2025 | Dirk Waclawek

6:00 Uhr am 2. Januar 2026 im besten Deutschland aller Zeiten. Handwerksmeister Fritz Müller ist auf dem Weg zur Baustelle, als er von einem plötzlichen Hungergefühl überfallen wird. Zum Glück erscheint da am Horizont auch schon die Leuchtreklame der Bäckerei seines Vertrauens. Eine gute Gelegenheit, mit einer Two-Finger-Leberkässemmel den Hunger für die nächsten Stunden zum Schweigen zu bringen. Also schnell gestoppt, rein in den Laden und nach dem wechselseitigen Austausch der Neujahrswünsche bei seiner Lieblingsverkäuferin Susanne eine Leberkässemmel bestellt. Dann folgt die erste Verblüffung des Morgens. Susanne möchte nämlich wissen, ob eine Serviette reicht oder ob er eine Tüte braucht? Müller ist leicht irritiert:
„Also eine Tüte hätte ich schon gern. Warum?“
„Weil die Leberkässemmel dann 50 Cent teurer ist, darum“, antwortet Susanne leicht genervt. Offensichtlich musste sie die Frage heute schon mehrmals beantworten.
„Was hat sich Euer Chef denn da wieder für einen Unsinn ausgedacht?“
„Der Chef ist ausnahmsweise unschuldig“, klärt ihn Susanne routiniert auf. „Das ist die neue Snack-Verpackungssteuer. Über das Schicksal des Weltklimas wird seit dem 1. Januar an den deutschen Bäckertheken im Stadtgebiet von F. entschieden. Guckst du denn nicht die Tagesschau?“
Da hat sie ihn erwischt. Um sich nicht auch noch am Abend aufzuregen, schwänzt Müller seit einigen Jahren die Tagesschau. Worum es ging, kann er sich aber auch so vorstellen. „Habe ich gestern leider nicht geschafft. Aber kannst du mir nicht aus alter Freundschaft so eine Tüte mitgeben? Die kann dein Chef unmöglich nachzählen.“
Auch die Bitte hat Susanne heute wohl schon mehrfach gehört, jedenfalls bleibt sie hart: „Geht leider nicht. Der Chef hat es uns nachdrücklich eingeschärft. Es handelt sich um eine Steuer, Steuerhinterziehung wird schwer bestraft.“ Susanne hat hin und wieder eine Meinungsverschiedenheit mit ihrem Chef, gleich das Rollkommando der Steuerfahnug möchte sie ihm aber auch nicht auf den Hals schicken und grübelt. „Eine Lösung gibt es vielleicht“, sagt sie schließlich strahlend. „Wenn du mir eidesstattlich versicherst, dass du die Leberkässemmel erst außerhalb des Stadtgebietes futterst, kann ich sie dir in einer Tüte mitgeben. Die Snack-Verpackungssteuer gilt nämlich nur im Stadtgebiet.“
Müller wägt ab. Hier die eidesstattliche Versicherung und das Weltklima, dort der größer werdende Hunger und seine schlechte Selbstdisziplin. Das Risiko geht er lieber nicht ein.
„Oder ich schneide dir ein kaltes Stück Leberkäs auf die Semmel.“ Susanne hat sich noch ein Alternativangebot überlegt. Die Steuer bezieht sich nämlich nur auf warme Speisen. Allerdings wird sie auch gleich wieder unsicher, denn in der 16-seitigen Verfahrensanweisung zur Verpackungssteuer, die Susanne vorschriftsmäßig im Filialordner abgeheftet hat, ist nicht klar definiert, was als „kalt“ bzw. „warm“ zu betrachten ist.

Hinter Müller hat sich inzwischen schon eine längere Schlange gebildet. „Wirst du heute noch fertig?“, hört er die gereizte Stimme eines anderen Kunden. Susanne rettet ihn: „Wir haben auch sehr leckere Rosinenschnecken. Die kann ich dir in einer Tüte mitgeben, obwohl sie noch leicht warm sind.“ Müller kauft schnell die Rosinenschnecken. Draußen im Auto kommt er dann aber doch ins Grübeln. Hatte der Bundeskanzler (oder war es der Bundespräsident?) in seiner Neujahrsansprache nicht eine „entschlossene Initiative gegen den Bürokratieirrsinn“ angekündigt? Da musste er sich wohl verhört haben. Er ist sich aber ganz sicher, dass die Werbebroschüre „Auswandern, bevor es zu spät ist – Tipps für den Mittelstand“ vor einigen Tagen ganz real in seinem Briefkasten lag. Vielleicht ja doch eine interessante Abendlektüre.


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