Es ist 9:00 Uhr im besten Deutschland aller Zeiten. Ort: Eine beliebige Großstadt mit hohen Mieten. Bäckermeisterin Steffi Becker bereitet sich auf ein wichtiges Personalentwicklungsgespräch mit ihrer jungen Filialleiterin Mareike Fleißig vor. Die Chefin freut sich auf das Treffen. Zum einen handelt es sich bei Fleißig um eine sehr aufgeweckte Persönlichkeit. Mit dem Team ihrer Filiale hat sie neulich dem Großbäckerkollegen Fritz Expansiv so richtig gezeigt, wo der Barthel den Most holt, als der direkt gegenüber von ihrem kleinen Fachgeschäft mit großem Tamtam ein dickes Café eröffnete. „Das war wohl eine Fehlinvestition, mein Lieber“, schmunzelt Becker noch still in sich hinein. Zum anderen hat sie aber auch eine gute Nachricht für Fleißig. Der Filialleiterin steht ein echter Gehalts- und Karrieresprung bevor. In der vergangenen Woche hat der alte Verkaufsleiter seiner Chefin offenbart, dass er auf dem Weg zur Rente in den nächsten Jahren schrittweise kürzer treten möchte. Fleißig soll seine Nachfolgerin werden und da Becker große Stücke auf sie hält, will sie sich auch finanziell nicht lumpen lassen. Als Fleißig seinerzeit Filialleiterin werden sollte, hatte es zunächst noch Diskussionen gegeben. Sie hatte die Sorge geäußert, dass ihr die Personalführung nicht liegen würde. Das darf als hinreichend widerlegt gelten, freut sich Becker noch. Fleißig besitzt eine natürliche Führungsbegabung und hat ihr Team top im Griff. Kurz: Endlich mal wieder ein Personalgespräch, bei dem nichts schiefgehen kann. In der Bäckerei Becker lohnt sich Leistung eben noch.
Zwei Stunden später. Immer noch im besten Deutschland aller Zeiten. Allerdings mit einer ausgesprochen schlecht gelaunten Bäckermeisterin Steffi Becker. Fleißig hat das Angebot nämlich freundlich, aber entschieden abgelehnt. „Da verschlechtert sich doch mein Stundenlohn“, hatte sie argumentiert. Becker wollte das nicht glauben, also gab ihr Fleißig Nachhilfe in Marktwirtschaft 2.0 in der besonderen Deutschland-Variante: Sie zieht mit ihrem Mann zwei Kinder groß. Da Fleißig ihre Arbeit gerne macht, bleibt der Mann daheim und kümmert sich um die Kindererziehung. Der Unterricht sei eine Katastrophe, da müsse jemand mit den Kindern nach der Schule den Stoff noch einmal durchgehen. Herr Fleißig macht deshalb nur noch einen kleinen Nebenjob. Zusammen kommt die junge Familie bei einem Bruttoverdienst von 3.500 Euro mit Wohngeld, Familienzuschlag und Co. auf 4.180 Euro im Monat. Wenn Fleißig jetzt das Angebot annähme, würden die Bruttoeinkünfte der Familie zwar auf 5.500 Euro klettern, in der Haushaltskasse gäbe es aber dennoch nur 4.400 Euro – höhere Steuern und Entfall des Wohngeldes schlagen durch. 220 Euro für den ganzen Stress als Verkaufsleiterin und die Mehrarbeit? Da hat Fleißig sich höflich für das Vertrauen bedankt, das Angebot aber definitiv abgelehnt.
Becker hat noch Hoffnung, dass Fleißig sich bei ihren Berechnungen geirrt haben könnte. Also zieht sie Dr. Google zu Rate und stößt auf die Untersuchung eines Prof. Dr. Andreas Peichl. Der hat gerade vergleichbare Fälle durchgerechnet und kommt zu dem Schluss: „Es macht keinen Unterschied, ob Sie mehr arbeiten oder nicht.“ Ihre Filialleiterin ist offensichtlich nicht auf den Kopf gefallen. Aber ob das für das Land wirklich langfristig so gut ist? In den Jahren als Unternehmerin in Deutschland hat Becker sich eine Weisheit zu eigen gemacht: „Glücklich wer vergisst, was nicht zu ändern ist.“ Und zwei gute Seiten hat die Geschichte immerhin: Wenn der Kollege Expansiv versuchen sollte, ihre Filialleiterin mit einem höheren Gehaltsangebot abzuwerben, dürfte er ebenso auf Granit beißen. Außerdem hat Fleißig deutlich gemacht, dass sie nicht plane, sich voll ins Bürgergeld zu verabschieden. Es sei wichtig, dass die Kinder in einem Haushalt aufwüchsen, in dem noch gearbeitet werde. Becker ist sich allerdings nicht sicher, ob alle Beschäftigten ihrer Bäckerei langfristig solche Skrupel haben.
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