Piep, piep.

Piep, piep.

24.08.2026 | Christian Bremicker

Ich war im Urlaub. Denjenigen, die dieses Konzept nicht kennen oder nur vom Hörensagen, kann ich es nur empfehlen. Schon Ovid wusste: „Was ohne Ruhepausen geschieht, ist nicht von Dauer.“ Und wer bin ich, diesem alten Römer zu widersprechen? Also: Urlaub. Obwohl Urlaub mit Kindern eigentlich anders heißen müsste – aber das ist ein anderes Thema. Ich habe in diesen Tagen eine App entdeckt, die mir unbekannte Strecken zum Laufen vorschlägt. Das ist sehr hilfreich, wenn man sich in der Gegend nicht auskennt, aber nicht immer an der Bundestraße langlaufen möchte. Ist das Ziel definiert, piepst die App in der Hosentasche, wenn man abbiegen muss. Derart präpariert ging es los. Der Sommer war – vielleicht ist es Ihnen auch schon aufgefallen – bisher sehr warm. Besonders spürte ich das auf einer Tour, bei der mir wortwörtlich das Wasser ausging. An einer Bundestraße hätte ich einfach per Anhalter oder Uber zum nächsten Supermarkt kommen können. Aber das Verkehrsaufkommen auf den von jener App angezeigten Schotterstrecken und Feldwegen mitten im Nirgendwo war nicht besonders hoch – um nicht zu sagen: nicht vorhanden. So war ich mir schon fast sicher, den sicheren Hitzetod sterben zu müssen. Kurz vorm Delirium entdeckte ich allerdings ein kleines Hinweisschild, das mir neuen Mut gab, ja ganz neue Kräfte mobilisierte. Frische Kirschen! Allein der Gedanke an die prallen, roten Früchte, die süß und sauer zugleich Erfrischung versprachen, ließ meine (Über-) Lebensgeister neu erwachen. Zu meiner großen Freude zeigten die folgenden Kirsch-Schilder immer in die Richtung, die mir auch die App vorgab. Doch plötzlich piepte es in meiner Hosentasche, und ich sollte rechts abbiegen, während das Kirsch-Versprechen weiter geradeaus eingelöst werden sollte. Da stand ich nun. In der prallen Sonne. Piep, piep. Auf irgendeinem gottverlassenen Feldweg zwischen Flensburg und Garmisch. Piep, piep. Es war Zeit für eine Entscheidung. Piep, piep. Entweder ich folge den Hinweisen zu den Kirschen, oder ich biege ab und ergebe mich meinem Schicksal. Dem Schild zufolge waren es noch etwa 1,5 Kilometer bis zum Ziel. Also drei hin und zurück. Piep, piep. Drei Kilometer, das sind 7,5 Runden auf dem Sportplatz – und das bei gefühlten 45 Grad Celsius. Ich mag Kirschen wirklich gern, und ich konnte sie förmlich schon schmecken. Aber ich entschied mich gegen den Umweg und bog ab. Mit schwerem Herzen und trockener Kehle. Wenigstens das Piepsen hatte aufgehört. In Gedanken noch in die prallen Früchte beißend und kurz vor der beginnenden Dehydration hätte ich beinahe übersehen, was hinter der nächsten Kurve tatsächlich in Augenhöhe auf mich wartete: herrlich reife Brombeeren! Von tiefviolett mit schwarzem Schimmer über blau- schwarz mit purpurfarbenem Einschlag bis hin zu aubergineartigem Lila – so hingen sie da, um gepflückt und verspeist zu werden. Da ließ ich mich nicht lange bitten. Das erste Pfund genoss ich sofort, und die gleiche Menge nahm ich für unterwegs mit. Habe ja große Hände. Gerettet. Die Moral von der Geschichte: Wenn das Leben dir die Kirschen verweigert, nimm die Brombeeren. Und wenn Sie sich nun fragen, was das mit dem Bäckerhandwerk zu tun hat, schließlich ist das hier immer noch die Bäcker Zeitung, so darf ich Ihnen freundlich sagen: gar nichts. Aber es ist ja auch Urlaubszeit, da kann man auch mal an etwas anderes denken.


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