Aufreger

Aufreger

26.06.2019 | Dirk Waclawek

Wenn Sie einen Sinn für morbiden Humor haben und außerdem mental belastbar sind, lohnt sich seit vielen Jahren die Beschäftigung mit der Berliner Lokalpolitik. Fast täglich finden Sie in diversen Zeitungen Situationsbeschreibungen, die im Kleinen in die gleiche Kategorie wie das Flughafendebakel fallen. Mir stellt sich dann immer die Frage, warum in Berlin etwas möglich ist, was in München – noch – keine Stadtregierung überleben würde. Meine These: Es gibt in der Hauptstadt inzwischen zu wenige Wähler, die noch ein ernsthaftes Interesse daran haben, was in ihrer Stadt und mit ihren Steuergeldern passiert. Jetzt liegt es uns natürlich fern, den Bäckern desinteressierte Langeweile zu unterstellen. Viele haben einfach viel zu viel zu tun, um sich auch noch mit dem ganzen Innungsgedöns zu beschäftigen. Man regt sich etwas über das auf, „was die beim Zentralverband so machen“, zuckt die Achseln und wendet sich wieder dem Tagesgeschäft zu. Die Stärke wie die Schwäche des Bäckerhandwerks liegt in den Innungen. Funktioniert es hier, funktioniert auch alles andere. Ist hier auf Blockade geschaltet, kann der Zentralverband die schönsten Reformen aller Zeiten planen. Sie werden Träume beziehungsweise Rechnungen ohne die Wirte – die Innungen bleiben. Lesen Sie sich einmal das Reformpapier des Zentralverbandes durch. Fast alle Passagen, in denen es etwas ernsthafter wird, stehen ungeschrieben unter dem Vorbehalt „Wenn die Innungen mitmachen.“ Und damit wären wir wieder bei einem großen Teil unserer Berliner Mitbürger. Die haben das Interesse an ihrer Stadt verloren und werden deshalb katastrophal regiert. Viele Bäcker bezahlen zwar noch brav ihre Innungsbeiträge, kümmern sich aber nicht mehr um das, was sonst in der Innung passiert. Da kann dann ein Obermeister weiter eine Innung mit acht Mitgliedern „führen“, weil ja noch Geld auf der hohen Kante liegt und mit den gleichgesinnten Kollegen alle Reformideen sabotieren. Liebe Bäcker: Solange ihr diesen Obermeister auf seinem Pöstchen lasst, wird es mit allen anderen Reformen nix werden.


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