Wir haben verstanden …

Trond Patzphal

Foto: Trond Patzphal 2019

Wir haben verstanden …

16.04.2020 | Trond Patzphal

Es sind schwierige Zeiten, wie wir sie nach dem Zweiten Weltkrieg noch nicht erlebt haben und sie sind morgen nicht vorüber. Wir in Deutschland sehen, dass unsere Behörden und unser Gesundheitssystem viel besser auf Corona vorbereitet waren, als in anderen Ländern. Alles, was wir heute wissen, muss natürlich danach verbessert werden, aber es ist jetzt nicht die Zeit für Besserwisserei!

Allerdings darf über alles nicht das Bäcker- und Konditorenhandwerk verschwinden und diese Gefahr besteht real! Mich haben in der letzten Woche einige Bäcker angerufen, die mir glaubhaft versicherten, dass sie bei bestehenden Regeln Ende Mai am Ende sind und finanzielle Hilfen benötigen!

Unsere Kanzlerin hat am gestrigen Mittwoch bekannt gegeben, wie man sich in unserem föderalen Deutschland geeinigt hat! Jeder, der hier richtig zugehört hat, kann davon ableiten, wie es bis zum Ende des Jahres weitergeht und wie gefährlich dieser Virus ist! In ihrer Pressekonferenz äußerte unsere Kanzlerin auch, dass es bis zu der Findung eines Impfstoffs gegen Corona weiterhin Regeln geben werde, die einzuhalten sind.

Großveranstaltungen sind bis Ende August nicht erlaubt, Restaurants und Cafés bleiben geschlossen (To-go-Lösungen bleiben erlaubt), es kann also gut sein, dass die Cafés auf Monate nicht öffnen dürfen und die Bäckergastroflächen geschlossen bleiben! Weil essen und trinken mit Masken eben nicht geht. Abstandsflächen von zwei Metern von Tisch zu Tisch sind unrealistisch! Und das hat die Politik wohl so auch festgestellt. Bäcker ohne Vorkassenzonen stehen vor einem größeren Problem und auch Bäcker, die viel Geld in Stand-Alone-Gastrokonzepte investiert haben, schlafen schlecht! Betriebe, die besonders vom Lockdown betroffen sind, brauchen jetzt auch besondere Hilfe vom Staat!

Die Politiker und Behörden in den Ländern und Gemeinden müssen jetzt klar vorgeben, auf was sich das Bäckerhandwerk genau einstellen soll, damit wir planen und investieren können! Geld für Unsinn auszugeben hilft keinem!

Wenn ich das, was von unserer Kanzlerin gesagt wurde, richtig interpretiere, werden wir zu sehr differenzierten Lösungen kommen und ich darf Ihnen als UnternehmerIn folgendes raten:

  • Sicher haben Sie schon begonnen, auf Ihren Theken einen Plexiglassteller als Spuckschutz aufzustellen!
  • Aber das wird nicht reichen – ein Hygienekonzept für Ihren Ladenverkauf ist dringend notwendig (viele Bäcker haben das für ihre Produktion bereits vorbildlich gelöst): Desinfektionsmittel am Eingang. Da wo es möglich ist, den Kundenausgang vom Eingang trennen! Mundschutz (Die sind jetzt tatsächlich wieder in der einfachen Qualität lieferbar!) und Einweg-Handschuhe für Ihre Verkaufskräfte. Kein Verkaufskraft sollte mehr ohne Mundschutz und Handschuhe arbeiten! Trennen Sie den Kassierprozess vom Verkauf! Alle Mitarbeiter im Verkauf sollten sich alle 30 Minuten die Hände gründlich mit warmem Wasser waschen (die Betonung liegt auf „warmem Wasser“!!) und neue Handschuhe anziehen. Schreiben Sie eventuell sogar vor, dass Ihre Läden von Ihren Kunden nur noch mit Mundschutz betreten werden dürfen, hier hätten Sie dann auch sofort ein gutes Argument für die Ämter, wenn die Schlangen vor Ihrem Laden zu lang werden. Reinigen Sie den Laden nach Betriebsschluss mit geeigneten Desinfektionsmitteln, dafür müssen Sie Ihren Verkaufskräften auch Zeit einräumen! Covid-19 wird über Tröpfcheninfektion weitergegeben, da reicht eine Türklinke! Dokumentieren Sie alles, damit Sie bei Prüfungen der Ämter sofort Unterlagen übergeben können und denen das Gefühl vermitteln, dass Sie das Problem verstanden und einen Plan haben – hier wird Ihr Networking auf Gemeindeebene existenzwichtig!
  • Jeder von uns hat Ärzte in seiner Bekanntschaft, viele Menschen haben Schwierigkeiten mit einer Maske zu arbeiten, weil sie im ersten Moment schlecht Luft bekommen! Holen Sie sich Ärzte in die Firma und trainieren Sie mit Ihrer Belegschaft das Atmen mit Masken! Oder schalten Sie Ihre Betriebsärzte ein, dafür zahlen Sie ja jedes Jahr und fragen sich wofür! Ergänzend sollte der Arzt sofort einen Hygienelehrgang durchführen – wie oft die Hände waschen, was muss alles desinfiziert werden und so weiter! Sie als Bäcker sind kompetent in Backwaren, dem Arzt oder der Ärztin wird von Ihrer Belegschaft sofort zugebilligt, dass diese in ihrem Fachgebiet die Kompetenten sind! Und Ihre Belegschaft fühlt sich sicherer, fühlt sich betreut und ernstgenommen!
  • Bauen Sie ein Bestellsystem auf! So wie App&Eat oder andere Systeme. Wenn die Schlangen vor Ihren Läden zu groß werden und zu viele öffentliche Flächen von Ihren Kunden in Beschlag genommen werden, wird es sehr schnell Auflagen der Gemeinden geben – wahrscheinlich auch zu individuellen Betriebsschließungen! Sie brauchen für das Abholen der Ware einen eigenen Counter, an dem nicht mehr kassiert werden darf! Führen Sie für das Abholen Zeitfenster ein, in denen die Ware abgeholt werden muss!
  • Führen Sie bargeldlose Zahlsysteme ein! Reden Sie mit Ihren Kassenanbietern, die entwickeln zur Zeit auch Bestellsysteme!
  • Investieren Sie in ein Liefer- und Zustellgeschäft. Dafür brauchen Sie unbedingt einen Onlineshop und ein Liefersystem! Reden Sie mit Lieferheld oder fahren Sie selbst mit Ihrer Logistik Ihre Kunden an! Manche 15-Jährige haben im Moment Zeit und ein Fahrrad (so kenne ich das aus meiner Jugend, ich hatte allerdings dafür ein Mofa!), stellen Sie die als Auslieferer ein. Im Bereich des Liefergeschäfts sollten Sie Mindestumsätze einführen. Wenn Sie einen Kunden für drei Brötchen anfahren müssen, wird das alles nichts!
  • Bei großen Stand-Alone-Verkaufsstellen sollten Sie schnellstens eine Drive-in-Station einrichten (aber das wussten die Betreiber sicherlich schon selbst)! Hier sind auch die Gemeinden gefordert, zeitlich befristete Lösungen zuzulassen, die sonst so nie genehmigt würden!
  • Hinter der Theke gibt es (noch) keine Beschränkungen. Wie viele Mitarbeiter sich dort aufhalten dürfen, entscheiden (noch) Sie. Vor der Theke schwanken die Regeln für Ihre Kunden (zwischen 1,50 und 2,00 Meter pro Person, je nach Gemeinde)! Die Verkaufsvorgänge werden sie nur beschleunigen können, wenn Sie einen Fenster- oder Ladenverkauf für vorbestellte Produkte einführen (für Ihre Kunden, die in Ihrem Onlineshop bestellt und bezahlt haben und hier nur noch die Ware abholen!). Wie das aussehen kann, werden wir Ihnen in den nächsten Ausgaben unserer Zeitschriften zeigen! Dafür sollten Sie sehr schnell Kontakt mit Ihrem Ladenbauer und den Ämtern aufnehmen, um mit denen zeitlich befristete Umbaulösungen zu besprechen! Denken Sie immer daran, Sie müssen unbedingt Kundenschlangen vermeiden! Hier kämen sonst sehr schnell neue Beschränkungen auf alle Betriebe zu!
  • Prüfen Sie Ihre Sortimentsstruktur und reduzieren Sie die Artikelvielfalt. Keiner weiß besser als Sie, welche Produkte in den letzten drei Wochen verloren und welche gewonnen haben! Seien Sie konsequent, streichen Sie 30 Prozent Ihres Sortiments zusammen! Hören Sie auf mit der Zubereitung von frisch belegten Brötchen und Snacks nach Kundenwunsch! Produzieren Sie belegte Brötchen zentral, alles andere kostet jetzt viel zu viel Zeit (denken Sie immer an die Schlangen)!
  • Planen Sie ein, dass es Ihnen passieren kann, dass Sie Ihr Café und Ihre Gastrofläche im Worst-Case nicht vor Ende des Jahres wieder eröffnen können! Reden Sie mit Ihren Banken und Ihren Vermietern! Wir hörten von einigen Bäckern in den letzten Tagen, dass zum Beispiel die Deutsche Bundesbahn zur Zeit hier sehr kooperativ agiert! In den Planrechnungen für die Banken wird bisher gern davon ausgegangen, dass es ab Juni wieder langsam aufwärts geht. Das schien bisher realistisch, Bäcker mit vielen Cafés und/oder Gastroflächen müssen jetzt aber mit einer längeren Durststrecke rechnen.
  • Aber es gibt auch ein bisschen Hoffnung – dadurch, dass der Handel in den Innenstädten wieder hochgefahren wird, gibt es auch einen Lichtblick für Ihre teuren Innenstadt-Lagen. Man muss kein Prophet sein, um zu vermuten, dass jetzt mehr Menschen wieder „Leben“ erleben wollen und in die Städte gehen. Wir können nur hoffen, dass das gut geht und nicht mehr Infektionen generiert! Und denken Sie bitte immer daran: Sie haben geöffnet, weil Sie systemrelevant sind – seien Sie dankbar dafür und wenn Sie gläubig sind (wie ich) danken Sie dem lieben Gott! Die Restaurants und die Gastronomie in Deutschland stehen vor einer ganz anderen Situation! In zwei Jahren sehen wir mal nach, wie das alles die Marktverhältnisse in der Systemgastronomie und bei den Coffeeshop-Betreibern geändert und durchgewürfelt hat und wen es dann neben McDonald’s und Starbucks überhaupt noch gibt.

Und wenn alles besser kommt, als ich es hier geschrieben habe, verklagen Sie nicht den Verleger, sondern freuen Sie sich! Den Drive-in können Sie ja immerhin weiterhin nutzen und so ein Spuckschutz ist eine hygienische Angelegenheit …

Im Nachgang zu dieser Katastrophe werden wir alle nochmal neu über unseren Standpunkt zu Vorkassenzonen im LEH nachdenken müssen! Ich denke heute, nach dem Ausbruch der Pandemie, dass jetzt jeder Bäcker seine Chance nutzen sollte, um Vorkassenzonen im LEH zu bewirtschaften! Nach Expertenmeinung wird es weitere Mutationen des Covid-19-Virus in der Zukunft geben und auf jeden Fall eine zweite Welle des jetzigen Virus, die wahrscheinlich spätestens im Frühjahr 2021 über uns hereinbricht. Solange es keine Impfung gibt, wird es dauerhafte Einschränkungen und Regeln geben und die werden besonders die Gastronomie und das deutsche Bäckerhandwerk betreffen! Darauf müssen wir uns auch in unseren strategischen Planungen einstellen.

Was mir ganz besonders wichtig ist: Reden Sie mit Ihren Mitarbeitern! Auch Ihre Verkaufskräfte haben Angst, sich und ihre Familien anzustecken und viele wissen nicht wohin mit ihrem Nachwuchs. Tun Sie bitte alles, um Ihre Mitarbeiter zu schützen und zu unterstützen! Heute zeigt sich, wie stabil Ihr System ist, Ihre „Firmenfamilie“. Wenn Sie das mit Ihrer Belegschaft gut machen, werden Sie in der Zukunft unschlagbar sein! Lassen Sie keinen alleine und bewahren Sie Ihre Kontenance, natürlich stehen auch Sie als Betriebsinhaber unter einem unheimlichem Druck, der sollte aber nicht bei Ihrer Belegschaft abgelassen werden!

So, das ist jetzt schon kein Kommentar mehr, sondern fast ein Fachartikel. Ich denke an Sie und teile Ihre Sorgen – bitte bleiben Sie guten Mutes! Ich wünsche Ihnen, Ihren Familien und Ihren Mitarbeitern alles, alles Gute und viel Gesundheit! Überstehen Sie diese schwierige Zeiten, Glück Auf aus Bochum,

Ihr Verleger

Trond Patzphal

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PS

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