Wollen wir das Jahr mit einer frischen Weisheit beginnen? Bereit? Los geht’s: „Das Einzige, was bleibt, ist die Veränderung.“ An dieser Stelle bitte erst in zehn bis zwölf Minuten weiterlesen, wenn ich mein kleines Nickerchen beendet habe. Boah, was ist das langweilig und abgedroschen. Die Veränderung als einzige Konstante. Das ist so alt wie das Märchen von den drei Haselnüssen, das kurz vor Weihnachten wieder in Endlosschleife lief. Das allein ist schon der Beweis, dass Veränderung gar nicht so sehr auf der Tagesordnung steht, wie es die anfängliche Weisheit vermuten ließe. Apropos Drei Haselnüsse für Aschenbrödel: Dieses Märchen hat auch Disney schon aufgegriffen. Dort heißt es Cinderella und nimmt ein Muster auf, das beim riesigen Medienkonzern lange Zeit typisch war. Egal, ob bei Cinderella, Arielle oder Die Schöne und das Biest, immer hieß es: Du musst dich ver- ändern, damit die Gesellschaft dich akzeptiert. Cinderella muss wie eine Prinzessin aussehen, bei Arielle (Achtung: Wortwitz) läuft es erst gut, als sie Beine bekommt, und das Biest ist plötzlich weniger biestig. Veränderung, so scheint es, ist der Schlüssel zur Zukunft. Und wir folgen diesem Narrativ. Nun ist Disney ein US-amerikanisches Unternehmen, und ich war schon immer skeptisch, wenn uns etwas von drüben, also jenseits des Atlantiks, vorgekaut und zum Tollfinden herübergeschickt wurde. Nicht erst seit dem durchgeknallten Orangenmann im Oval Office. Nun aber scheint Disney eine Kehrtwende vollzogen zu haben. Die neuen Disney-Geschichten betonen nicht mehr eine scheinbar notwendige Veränderung. Stattdessen ist es wichtig, sich selbst zu finden und zu sich selbst zu stehen. Da wäre Vaiana, die mutige Häuptlingstochter, oder Judy Hopps, die durchsetzungsstarke Häsin aus Zoomania, und selbstverständlich Elsa, die Eiskönigin. Sie, die zunächst ihre Kräfte versteckt und isoliert lebt, blüht regel- recht auf, als sie zu sich steht – und al- les wird gut. An diesem Punkt haben Sie bereits über 300 Worte gelesen und fragen sich vielleicht, was dieser Exkurs für Trickfilm-Nerds mit einem Bäcker zu tun hat. Meine Verlegerin drückt es so aus: „Manchmal drehst Du eine Runde zu viel um den Kirchturm, bevor du zum Punkt kommst.“ Aber ich soll ja schreiben, was mir so auffiel, und da braucht es (manchmal) etwas (mehr) Hintergrund. Ich bereite quasi eine Art Flussbett vor, durch das der Strom der Auffälligkeiten ungehindert fließen kann. Jetzt aber zum Punkt: Gut erinnere ich mich daran, wie mir damals meine Verkaufskräfte vortrugen, was im Laden alles verlangt wurde – vom Eiweißbrot über Cronuts bis hin zum Kohlrabi-Plunder. Und ich war stets bemüht, diesen veränderten Ansprüchen nachzukommen. Ins Hintertreffen geraten ist dabei allerdings das, was unsere Bäckerei eigentlich ausmachte: rheinisches Schwarzbrot, ein ordentlicher Streuselstuten und saftiger Pflaumenkuchen. Was ich sagen will: Veränderung ist wichtig, aber sie ist nicht alles. Weder die Augen vor ihr zu verschließen noch ihr ständig hinterherzurennen, ist auf Dauer gesund. Wer sich seiner selbst bewusst ist, wer weiß, wo seine Stärken liegen, kann sich besser abgrenzen und einfacher entscheiden, welche Veränderung gut für einen ist und welche eben nicht. Ein etwas verspäteter Vorschlag für einen Vorsatz fürs neue Jahr: Besinnen Sie sich auf die Stärken Ihrer Backstube – alles andere ergibt sich. Und jetzt fangen Sie bloß nicht mit „Hakuna Matata“ an.
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