Das Unglaubliche ist geschehen.

Das Unglaubliche ist geschehen.

01.06.2026 | Christian Bremicker

Es ist wie die Entdeckung einer fünften Himmelsrichtung oder einer ebensolchen Jahreszeit. Über Jahrtausende manifestierte sich eine Tradition, die nun in der Tiefkühltruhe gebrochen wurde: Die Pizza Cinque Formaggi ist erfunden! Bisher waren es läppische vier Käsesorten, die uns angeboten wurden, nun die Revolution! Fünf Sorten. Was hat es in der Vergangenheit nicht alles gegeben: Fischstäbchenpizza, Schokopizza und Veganer-Döner-Pizza. Alles gut. Aber das hat niemand kommen sehen. Endlich geschah das, was auch schon in anderen Bereichen geschehen ist. Wer erinnert sich nicht an die stetig steigende Zahl der Rasierklingen bei der Nassrasur oder an Tees mit inzwischen 27 verschiedenen Kräutern? Wahrscheinlich mussten dafür erst neue Kräuter gezüchtet werden. Wo soll das noch hinführen? Bald gibt es im chinesischen Restaurant das Gericht mit neun Kostbarkeiten oder das Fürst- Pückler-Eis kommt mit einer vierten Sorte (vorzugsweise Stracciatella) daher. Und in den Backstuben wird bald nicht mehr das Mehrkornbrot gebacken, sondern das „Nochmehrkornbrot“. Und die Kollegen werden sich überbieten wollen, was im „Immereinkornmehralsdubrot“ mündet. Die Frage muss jedoch erlaubt sein, ob das Ganze zielführend ist, und das wirft gleich die nächste Frage auf: Was genau ist das Ziel? Kann es die Absicht der Pizza Cinque Formaggi sein, den Kunden größeren Genuss zu bieten? Wenn dem so wäre, wären wir schnell bei den Sorten Sei Formaggi, Sette Formaggi, Otto Formaggi und Nove Formaggi. Sie sehen, wohin das führt. Wenn ich ehrlich bin, würden mir so viele Käsesorten gar nicht mehr einfallen, geschweige denn, dass ich Unterschiede schmecken könnte. Wahrscheinlich gilt das auch für Mehrkornbrote, deren unterschiedliche Körnersorten die Zahl von drei übersteigen. Vielleicht vier. Die Formel „Mehr Sorten bringen mehr Genuss“ – sowohl bei der Pizza als auch beim Brot – scheint also nicht aufzugehen. Folglich ist es nur ein Marketingtrick, um die Aufmerksamkeit von Konsumenten und hungrigen Fachredakteuren zu gewinnen. Herzlichen Glückwunsch! Das ist (jedenfalls bei mir) geglückt. Was jetzt so lapidar klingt, ist tatsächlich ein harter Kampf – der um Aufmerksamkeit. Das beginnt schon mit dem Vibrieren oder Klingeln des kalten Glasbarrens in der Hosentasche, den der Volksmund Smartphone nennt. Studien haben erfasst, wie häufig unser Blick und unsere Gedanken zum Smartphone wandern: Über 100-mal sind keine Seltenheit. Von der täglichen Nutzungsdauer will ich gar nicht erst anfangen. Kritiker sagen, als das Telefon noch angebunden war, seien die Menschen freier gewesen. Ja, die Kritiker. Aber zurück zum Überbietungswettbewerb. Wie wäre es, wenn wir einen Kontrapunkt setzen? Nicht mehr das Mehr zählt, sondern das Weniger! Nicht noch eine weitere Zutat und noch eine, sondern aus den eh schon vorhandenen mehr machen. Zum Beispiel über Vor- und Sauerteige, Aroma- oder Kochstücke oder geröstete Zutaten. Aber bitte nicht falsch verstehen: Die Reduktion sollte sich nur auf die verwendeten Zutaten beziehen – gegen ein Mehr an Handwerkskunst hat niemand etwas einzuwenden. Den Dreistrangzopf gibt es fast überall. Aber wir wussten doch auch mal, wie man einen Fünf-, Sechs- oder Achtstrangzopf flechtet. Womit wir wieder bei Cinque, Sei und Otto wären. Wer so den Unterschied machen kann, erntet Aufmerksamkeit. Viel Spaß dabei!


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