Ein Leben nach Corona

Trond Patzphal

Foto: Trond Patzphal 2019

Ein Leben nach Corona

07.04.2020 | Trond Patzphal

Die letzten Wochen haben dem Bäckerhandwerk Herausforderungen wie in Kriegszeiten abverlangt. Sehr unterschiedlich wurde auf Gemeindeebene bestimmt, wie viele Menschen sich in einer Bäckerverkaufsstelle aufhalten dürfen (bei uns in Osnabrück genau einer, da können Sie sich die Umsätze hochrechnen!), bei Vorkassenzonen wurde alles sehr viel großzügiger beantwortet. In diesen Zeiten sind Bäcker mit Vorkassenzonen die „Umsatzgewinner“. Die Sortimente haben sich dramatisch verändert, das Kaffeegeschäft ist eingebrochen, 19-Prozenter spielen keine Rolle mehr. Die Tiefkühltruhen der Verbraucher sind voll mit Brot.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bäckerhandwerk sind tapfer und nur wenige haben Ihre Nerven verloren – trotz der teilweise dramatischen Berichterstattung in den Medien. Da sind meiner Meinung nach 1.500 Euro steuerfreie Zulage vielleicht doch zu wenig, zumal man sie auf die normale Lohnzahlung nicht nutzen kann.

Die beiden Bäcker, die wir mit einem Corona-Ausbruch gefunden haben, wären sogar dankbar gewesen, wenn die Behörden ihre Betriebe geschlossen hätten. Bei beiden wurden lediglich die Mitarbeiter in die Quarantäne geschickt. Einer verhandelt gerade mit seiner Versicherung über eine Lösung (Versicherungen zahlen nämlich nur bei behördlicher Schließung, immerhin war er versichert!).

Den Klimawandel haben wir auch gestoppt, es gab nur noch neun Prozent aller Flüge des Vorjahres, die Kreuzfahrtflotten stoßen keine Schwerölabgase mehr in die Luft, das Wasser in Venedig ist wieder klar und meine Fahrt von unserem Osnabrücker Büro zu unserer Bochumer Niederlassung war eine freie und dauerte diese Woche auch nur noch 60 Minuten und von Greta hat man jetzt auch schon länger nichts gehört. Natürlich fragt jetzt auch sofort der Verband der deutschen Automobilhersteller nach, ob man die Klimaziele nicht ein bisschen strecken kann.

Auch wir mussten ein KfW-Darlehen und Kurzarbeit beantragen und dürfen uns bei unserer Volksbank bedanken, wie wir hier begleitet werden, nämlich sehr menschlich und kompetent! Allerdings halten auch wir eine Rückzahlung des Kredits innerhalb von fünf Jahren (ein Jahr ist tilgungsfrei) für unrealistisch, diese Zeit sollte auf zehn Jahre erweitert werden, damit wir auch in Zukunft investieren können, und das betrifft ja auch die Bäckerbetriebe.

Und da wären wir auch schon beim Problem. Mit dem „Lockdown“ aufgrund der Pandemie wurden viele Investitionen im Bäckerhandwerk von den Betrieben verschoben. Da wird sich ohne ein neues Investitionsprogramm des Staates kaum schnell etwas ändern. Leider hört man hier von unseren Bäcker-Verbänden und im Übrigen auch vom VDMA, (dem Verband der Maschinen- und Anlagenbauer) oder dem Verband der Ladenbauer nichts Konkretes an Forderungen. Ich hörte hier letztens von einem unserer Interessenvertreter, dass sich dies in der Corona-Lage „nicht schickt“. Ich möchte hier die Chance nutzen, einige Ideen für eine Ankurbelung unserer Branche vorzubringen und stelle sie zur Diskussion:

Nur Steuersenkungen für Handwerksbetriebe im Lebensmittelhandwerk, neue Abschreibungstabellen für Investitionsgüter (halbierte Abschreibungszeiträume), zeitliche Aussetzung (oder Reduzierung) der Mehrwertsteuer, direkte Investitionshilfen und großzügige Regelungen bei Fristüberschreitung von Steuern und Sozialbeiträgen können dafür sorgen, dass das Bäckerhandwerk seine Chancen behält!

Zu unseren Lieferanten: Wir haben im Bäckerhandwerk das große Glück, dass wir in jedem Bereich von Investitionsgütern mittelständische Anbieter haben, die dem Bäckerhandwerk gute Lösungen für Produktion und Verkauf anbieten (– die Südback, als die Bäckermesse für das deutsche Bäckerhandwerk, wird hoffentlich auch in diesem Jahr zeigen können, wie vielfältig!). Auch unsere Lieferanten stehen vor unglaublichen Herausforderungen, ihr Geschäft aufrechtzuerhalten. Der Export bricht zusammen und Märkte mit starkem Mittelstand sind selten! Deutschland ist so eine Ausnahme und wir haben der Leistungsfähigkeit unserer Lieferanten viel zu verdanken! Gerade unsere Lieferanten brauchen jetzt Hilfe, damit sie mit ihren Angeboten dem deutschen Bäckerhandwerk auch in Zukunft noch zur Verfügung stehen! Wenn man nur noch zwischen drei Backofenherstellern und zwei Ladenbauern wählen kann, ist dem Bäckerhandwerk sicherlich nicht geholfen! Daher sollte sich jeder Bäcker jetzt überlegen, was er sich leisten kann, und muss für sich die Frage beantworten, wie schnell er wieder investiert! Wir werden hier ohne Investitionsprogramme für den Mittelstand (und damit auch für unser Bäckerhandwerk) keine gute Zukunft haben!

Bäckereien sind systemrelevant und übernehmen Verantwortung! Sie erhalten die öffentliche Ordnung und sorgen für Normalität, das kann man nicht oft genug wiederholen!

Ich wünsche Ihnen, Ihren Familien und Ihren Mitarbeitern alles, alles Gute und viel Gesundheit! Überstehen Sie diese schwierigen Zeiten, bleiben Sie guten Mutes, Glückauf aus Bochum,

Ihr Verleger

 Trond Patzphal

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PS

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