Ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheit beginne ich diese Kolumne direkt mit einem Bezug zum Bäckerhandwerk. Die übliche Tour um sieben Ecken entfällt. Der Beruf des Bäckers gilt gemeinhin als sehr kreativ. Kein Brötchen, kein Brot, kein Croissant ist wie das andere – jeder Bäcker legt seine eigene Note hinein. Was dafür wichtig ist: Inspiration. Etwas, an dem man sich ein Beispiel nehmen kann, um mit diesem Hintergrund eine eigene Kreation zu entwickeln. Sie wissen, was ich meine. Aber auch das Bäckerhandwerk dient anderen als Inspirationsquelle. Zum Beispiel der Industrie. Neulich entdeckte ich im Supermarkt eine Kuchen-Fertigmischung, die mich sprachlos zurückließ. Darauf standen die Worte: „Inspiriert von Bienenstich“. Das Bild sah allerdings nach einem typischen Bienenstich aus. Die hübsch aufgemachte Pappschachtel, die von Inspiration berichtet, kommt zunächst fröhlich und bunt daher. Das überdeckt fast die Frage nach dem Warum. Warum kein richtiger Bienenstich, wie er sich durchgesetzt hat und wie er in den Leitsätzen für Feine Backwaren definiert ist? Klar: Weil das für das zarte Familienunternehmen aus Bielefeld, das den Doktor im Namen trägt, zu teuer wäre. Die Leitsätze sprechen von einem karamellisierten Belag aus Ölsaaten (meist Mandeln), der mindestens 20 Prozent des Teiggewichts ausmacht – und das ist nicht billig zu haben. Bei der am Bienenstich inspirierten Imitation aus Ostwestfalen-Lippe kommt laut Packung ein Teiggewicht von 425 Gramm zustande. Der sogenannte Belag setzt sich aus zehn Gramm Zucker und zehn Gramm Mandeln zusammen. Man muss kein Mathegenie sein, um zu erkennen, dass dieses Verhältnis nicht annähernd an die geforderten 20 Prozent aus den Leitsätzen heranreicht. Aber das muss es ja auch nicht. Es soll ja kein Bienenstich sein. Die hier angebotene Kuchen-Metapher ist lediglich vom Original inspiriert. Ich persönlich bin übrigens, das sei am Rande erwähnt, von George Clooney inspiriert. Schließlich habe ich genau wie er zwei Beine, zwei Arme, und sogar unsere Verdauungssysteme arbeiten zum Verwechseln ähnlich. Der Doktor aus Bielefeld wollte offensichtlich nur den guten Namen „Bienenstich“ nutzen. Klingt eben besser als „überteuerte Zuckerplörre, die Mandeln in homöopathischen Dosen enthält“. Und um nicht sagen zu müssen: „Hey, die Mandeln sind uns einfach zu teuer!“, schreibt der Doktor zusätzlich „Klassiker neu interpretiert“ auf die Pappschachtel. Vielleicht sollte er noch ein Preisrätsel ausloben: Wer errät, ob die Backmischung oder die Pappschachtel bekömmlicher ist, bekommt ein echtes Stück Bienenstich. Ich tippe auf ein gerechtes Unentschieden. Dieses Prinzip, mehr scheinen zu wollen, als man tatsächlich ist, scheint aber eine lange Tradition beim bekannten Puddinghersteller zu haben. Schon im Namen wird das deutlich. Der Gründer des Unternehmens, nach dem dieses benannt ist, war kein Doktor der Medizin. Er promovierte 1888 an der Universität Freiburg im Fach Botanik; seine Dissertation untersuchte Unterschiede in der Form von Pflanzenpollen. Mit etwas Wohlwollen ließe sich hier die Kausalkette Pollen – Bienen – Bienenstich herstellen. Muss man aber nicht. Der Fairness halber bleibt festzuhalten, dass der Vater des Firmengründers Bäckermeister war – was natürlich seine große Kreativität erklärt. So, und jetzt gehen George und ich einen Kaffee trinken. Vielleicht gönnen wir uns dazu ein Stück Kuchen. Donauwelle oder so.
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