Ich bin Bäcker, Handwerksbäcker.

Ich bin Bäcker, Handwerksbäcker.

24.11.2025 | Christian Bremicker

In meiner Nachbarschaft wird tatsächlich noch gebaut. So richtige Häuser. Überall hört man von fehlenden Handwerkern und steigenden Kosten, aber hier entsteht ein Haus nach dem anderen. Viel merkwürdiger ist allerdings, was das für Häuser sind. Viele erinnern mich stark an meine ersten Häuser – die ich damals aus Lego gebaut habe: quadratisch, praktisch und mit Flachdach. Kubismus in Reinform. Allerdings waren meine Bauten um einiges farbenfroher als die monochromen Würfel gegenüber. Und diese lächerlich hohen Metallzäune – sogenannte Doppelstabmatten in Dunkelgrün. Habe den Fachbegriff extra nachgeschlagen. Manche dieser Abtrennungen sind locker über zwei Meter hoch und mit extravaganten Webarbeiten versehen. Wir haben in der dritten Klasse einen Holzrahmen mit Faden bespannt, sodass er aussah wie eine Harfe. Zwischen den einzelnen Fäden haben wir dann bunte Wollfäden gewoben. Vorn herum und hinten herum. Letztlich entstand ein kleiner Teppich. Ein sehr kleiner Teppich. Ähnlich weben so manche Hausbesitzer Sichtschutzstreifen zwischen die Doppelstäbe ihrer Monster-Zäune. Ganz Kreative wechseln dabei gekonnt die verwendete Farbe. Vielleicht von Moosgrün (RAL 6005) zu Anthrazit (RAL 7016), damit der starre Sichtschutz auch etwas Lebendiges hat. Die Krönung aber entdeckte ich bei einem jener kubistischen Neubauten, dessen Doppelstabmatten samt Sichtschutzstreifen so hoch waren, dass selbst der bekannte Schauspieler Richard Kiel mit seinen 2,18 Metern Körpergröße Probleme gehabt hätte, einen Blick in den Vorgarten zu werfen. Hier prangte zu allem Überfluss über der verbarrikadierten Tür im Zaun ein freundlicher Schriftzug in metallenen Lettern: „Herzlich Willkommen“. Ich denke, die Alliierten, die 1944 bei Omaha Beach anlandeten, verspürten ein stärkeres Gefühl des Willkommenseins als diejenigen, die hier klingeln müssen. Das ganze Grundstück schreit: Hau ab! Aber du bist herzlich willkommen. In diesem Zusammenhang fällt mir die Legende der holländischen Gardinensteuer ein: Noch heute ist es so, dass holländische Wohnungen oder Häuser oft von der Straße her gut einsehbar sind. Sie verzichten auf Gardinen oder sonstigen Sichtschutz. Lange hielt sich die Legende, eine Steuer auf Gardinen sei dafür verantwortlich. Stimmt nicht. Wahrscheinlicher ist, dass die calvinistischen Hausbesitzer zum Ausdruck bringen wollten, dass sie nichts zu verbergen haben. Welch kulturelle Gegensätze! Wenn ich so manches Bäckerei- Schaufenster betrachte, ist die Frage, ob der Bäcker Deutscher oder Holländer ist, schnell geklärt. Denn das Schaufenster, das doch zeigen soll, wozu das Bäckerhandwerk fähig ist, wird häufig stiefmütterlich behandelt. Mal hängt da im April noch die Deko mit den Kürbissen, mal sind es vergilbte Eduscho-Werbeplakate, die die Laufkundschaft zum Hereinkommen animieren sollen. Vielfach ist da noch Luft nach oben. Ein absolut positives Beispiel für ein Schaufenster, das einer echten Handwerksbäckerei würdig ist, habe ich in Düsseldorf gefunden: Bäckerei Josef Hinkel. Wer bei diesem Schaufenster keine Lust bekommt, direkt in den Laden zu gehen, kann sich untersuchen, besser einweisen lassen. Wir sollten bei der Außendarstellung holländischer werden und zeigen, was wir können. Anstatt darauf zu hoffen, dass sich die Kundschaft irgendwie zu uns durchschlägt, fast schon durchbeißt – wie es wohl nur der „Beißer“ aus den alten James-Bond-Filmen gekonnt hätte. Dargestellt übrigens von Richard Kiel. Der hätte wohl auch so manche Doppelstabmatte nicht verschmäht.


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