Als ich noch ein kleines Kind war – vor etwas über 20, vielleicht 25 Jahren – geschah in unserer kleinen Stadt etwas Unglaubliches. Und wenn ich hier Stadt schreibe, meine ich eigentlich kleines, verschlafenes Dorf. Aber das hört man da nicht so gern. Bis dahin verkaufte dort der Blumenhändler Blumen, der Metzger Wurst und der Bäcker Brot. Klar, es gab einen Supermarkt, der alles unter einem Dach anbot, aber das war es dann auch. Wer seine Einkäufe nicht bis Samstag, 13 Uhr erledigt hatte, musste sich beim Nachbarn durchschnorren oder eine spontane Fastenzeit einlegen. Dann aber begann die Tankstelle gegenüber unserer Backstube, die nötigen Dinge des „Reisebedarfs“ zu verkaufen. Reisebedarf! Bis heute die Begründung für die endlosen Öffnungszeiten und die stetig wachsende Produktpalette der Tankstellen. Schließlich muss das reisende Volk nicht nur mit Kraftstoff, Wischwasserzusatz und Öl versorgt werden. Auch die Fahrer haben Bedürfnisse – manchmal nach sportlichen Jogginganzügen, grellen Buntstiften oder unverwüstlichen Schraubenschlüsselsets. Vor allem bei unserer Tankstelle gegenüber, die gar nicht wusste, wie sie mit den Horden von Reiselustigen umgehen sollte. Ja, wenn das Dorf für etwas berühmt war, dann, dass man gut durchfahren konnte. Viele Durchreisende trugen sonntags morgens Bademantel und Hausschuhe auf ihrer beschwerlichen 55-Meter-Reise die Straße runter, dann links über die Verkehrsinsel direkt zum rettenden Ort der Reisebedarfsdeckung. Wenn ich gerade von Brot und Brötchen sprach, die die Tankstellen heutzutage anbieten, dann ist das selbstverständlich zu viel der Ehre. Ein solariumähnlicher Kleinofen brennt eine stumpfe Bräune auf diverse tiefgefrorene Teiglinge aus aller Herren Länder, umwabert von lieblichen Dieselund Ölgerüchen. Die Mitarbeiter, die sicherlich ihr Bestes geben, haben ungefähr so viel Ahnung vom Backen wie vom Raffinieren von Rohöl. Aber Klagen nutzt nichts – offensichtlich finden die Tankstellen ihre Brötchenkäufer. Dass die Backwaren inzwischen den eigentlichen Grund eines Reisestopps – das Tanken – abgelöst haben, war mir jedoch neu. Kürzlich im Urlaub fiel mir ein riesiges Plakat auf: „Lust auf Genuss?“. Abgebildet war eine große Tasse dampfenden Kaffees und ein Croissant. Dazu die verheißungsvolle Angabe, es seien nur noch 800 Meter bis dahin. Ein roter Button fasste das Angebot zusammen: Kaffee, Frühstück, Snacks und Kuchen. Ich zählte voller Vorfreude die Meter (798, 799, 800) – nur um dann ernüchtert an einer Zapfsäule zu stehen. Diese blöde Tankstelle hatte tatsächlich die Kernprodukte einer Bäckerei beworben – und ich, meiner Kaffee- und Croissantsucht erlegen, bin blind darauf hereingefallen. Shame on me! Aber es zeigt, wie scharf Tankstellen inzwischen auf die Bäckerkunden sind. Sie werben nicht mehr mit dem Tiger, den man in den Tank packt. Stattdessen besser die Brötchen in den Korb. Ich sehe es mit einem Lächeln und vertraue darauf, dass dies die letzten Zuckungen einer sterbenden Branche sind. Wer braucht schon Benzin, wenn das Auto elektrisch fährt? Mein Vater hingegen hatte damals eine eigene Idee: Er stellte einen Satz gelber Benzinkanister in unser Regal für Handelswaren und fragte verdutzte Kunden, ob sie Benzin oder Diesel benötigen. Bleiben Sie zuversichtlich!
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