Ohr an Großhirn

Ohr an Großhirn

29.08.2023 | Christian Bremicker

Vor vielen Jahren, ich war noch jung und abenteuerlustig, verführte mich wohl ein spätpubertärer Trieb: Ich schrieb eine Postkarte. Im Sommer 2023 völlig undenkbar. Nur die Wenigsten schreiben heute noch Postkarten. Stattdessen verschickt man elektronische Post. Das ist nicht nur günstiger, es schränkt auch die Motivwahl nicht ein. Wer eine elektronische Nachricht an die lieben Zurückgebliebenen in die Heimat schickt – okay, das könnte missverstanden werden. Neuer Versuch: Wer eine elektronische Nachricht an die lieben Verwandten und Freunde in der Heimat schickt, kann selbst und frei entscheiden, welches Motiv mitgeschickt wird. Nicht der Standard-Leuchtturm oder die immer gleiche Robbe, die freundlich winkt, sondern ganz individuelle Schnappschüsse. Beispielsweise von einem romantischen Leuchtturm oder der süßen Robbe. Ja, diese Digitalisierung fördert die Individualität des Menschen. Aber das ist ein anderes Thema. Jetzt geht es um die Postkarte, die ich damals schrieb. Sie sollte an meinen guten Freund, nennen wir ihn Anton, gehen, der seinerzeit sein Dasein im heimischen Regen fristete. Damit war klar, dass die Karte eine Szene am sonnigen Strand zeigen sollte. Zudem war Antons Elternhaus mit bürgerlich-konservativ noch sehr wohlwollend beschrieben. Um ehrlich zu sein: Wegen seiner Eltern ist der Begriff „Stock im A…llerwertesten“ erfunden worden. Dieser Umstand provozierte mich so sehr, dass die exakte Motivauswahl meiner Karte für Anton und den Briefkasten seiner Eltern (haha) schon als Notwehr gesehen werden konnte. Ich entschied mich, den beschriebenen Umständen ergeben, für zwei mehr oder weniger leicht bekleidete Bikini-Schönheiten, die den schönen Strand meiner Destination zierten. Im Sommer 2023 sucht man solch fotografischen Ausdruck gewisser Sehenswürdigkeiten vergebens. Nicht, dass ich im diesjährigen Sommerurlaub danach gesucht hätte – diese Beobachtung drängte sich mir eher zufällig auf. Ja, wirklich. Heute finden sich ausschließlich Postkarten, die sich auf dem Niveau der besagten Robben bewegen, die vom Leuchtturm winken. Auf einer Karte, wie ich sie damals Anton schickte, müsste heute wahrscheinlich ein Vermerk abgedruckt sein: „Die gesendete Postkarte wird, als Bestandteil der Postkartengeschichte, in ihrer ursprünglichen Form verschickt. Sie enthält Passagen, die heute als diskriminierend betrachtet werden.“ Klingt unglaublich, wird aber gerade von der ARD so praktiziert. Vor alten Filmen des Ostfriesen-Komikers Otto Waalkes finden sich entsprechende Hinweise vor Passagen, die heute als diskriminierend gelten. Das mag man übertrieben, gar lächerlich finden, aber ich frage mich, wohin dieser verordnete Schutz des Konsumenten noch führen soll? Wer über Waalkes lachen kann, wird das auch trotz des Hinweises tun. Wer den Humor nicht teilt, braucht den entsprechenden Hinweis nicht. Was das mit dem Bäckerhandwerk zu tun hat? Ganz einfach: Was der Komiker für das Fernsehen ist, sind Salz, Fett und Zucker für uns. Im Rahmen der nationalen Reduktionsstrategie wird es wahrscheinlich nicht mehr lange dauern, bis wir verpflichtet werden, vor diesen elementaren Zutaten warnen zu müssen. So weit ist es zwar noch nicht, aber vielleicht machen wir uns schon jetzt Gedanken, wie wir damit umgehen könnten. Anders formuliert: „Ohr an Großhirn! Habe da eine beunruhigende Information gehört! Hast du eine Idee, was zu tun ist?“ Wir kriegen das hin, da bin ich zuversichtlich.


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