Vision und Wirklichkeit

Vision und Wirklichkeit

09.03.2022 | Stefan Schütter

Auf dem 1,5°-Pfad zur Klimaneutralität gelangen, so klingt das schön formulierte Ziel der Energiewende. Doch wie realistisch ist es, auch im Hinblick auf Bäckereien? Diese können natürlich eine Menge tun, angefangen bei effizienterer Technik, über regionale Rohstoffe, bestenfalls in Bio-Qualität, bis hin zu eigenen PV-Anlage. Doch wenn es nicht noch wenigstens ein oder sogar mehrere eigene Windräder aufstellen kann, gelangt jedes Unternehmen früher oder später an den Punkt, wo die Möglichkeiten zur Energieeinsparung und zur nachhaltigen Erzeugung ausgeschöpft sind. Die verbleibende Lücke lässt sich dann nur noch durch Kompensation, sprich den Kauf von Klimazertifikaten schließen. Auf dem Papier ist es so möglich Klimaneutralität zu erreichen und beispielsweise die (zukünftigen) Anforderungen des LEH zu erfüllen. Doch der Markt der Klimazertifikate ist unübersichtlich und nicht wenige halten allenfalls formal was sie versprechen. Man könnte sie daher als modernen Ablasshandel bezeichnen. Wie fragwürdig die beliebten Aufforstungsprojekte beispielsweise sind, zeigt die sehr öffentlichkeitswirksam vermarktete Plant-for-the-Planet-Stiftung, die unter anderem von der Wochenzeitung Zeit und dem Stern mehrfach genau unter die Lupe genommen worden ist. Die Recherchen weckten erhebliche Zweifel ob das Konzept tatsächlich der Umwelt oder eher den Konten der Initiatoren zugute kommt.

Jeder Bäcker muss natürlich selbst entscheiden, wie weit er gehen kann und will. Doch es scheint sinnvoller zu sein, sich ganz auf das Vermeiden und Reduzieren zu konzentrieren, also auf alle Maßnahmen, die man selbst in der Hand hat und deren Effekt eindeutig nachweisbar und den Kunden nachvollziehbar erklärbar ist. Beispielweise sind Solarzellen auf dem Dach oder Schilder auf den Feldern, die informieren, dass dort das Getreide für die eigene Bäckerei wächst, für jeden sofort sichtbar. Viele Kompensationskonzepte sind dagegen eher abstrakt und ihre Bewertung ist komplex. Beispielsweise gibt es Projekte, die zwar CO2 einsparen, aber dafür anderweitige Schäden anrichten, etwa bei der Biodiversität. Zudem läuft man Gefahr nicht mehr auf den eigenen Ressourcenverbrauch zu achten, man kann sich ja einfach „freikaufen“. Im Extremfall setzt man sich so dem Vorwurf des „Greenwashings“ aus.


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