Vorsicht: Bequemlichkeit

Vorsicht: Bequemlichkeit

29.08.2025 | Christian Bremicker

Seit Wilhelm Busch wissen wir: „Ach, des Menschen größte Freud‘ ist doch die Zufriedenheit.“ Wer zufrieden auf das schauen kann, was er tut, kann ein glückliches Leben führen, so die These. Wenn man sich allerdings heute umschaut, könnte man meinen: Die Beobachtung des Dichters aus dem 19./20. Jahrhundert müsste etwas umgeschrieben werden. Nicht mehr die Zufriedenheit ist des Menschen größte Freude, sondern die Bequemlichkeit. An allen Enden wird es uns noch etwas bequemer gemacht. Angefangen beim Pizza- Bringdienst über das E-Bike bis hin zum 24-Stunden-Shoppingkanal. Haben Sie den Film „Wall-E, der Letzte räumt die Erde auf“ gesehen? Hierbei geht es um einen kleinen Roboter, der auf der Erde Ordnung schaffen soll. Die Menschheit, die ein Chaos hinterlassen hat, wurde derweil ausgeflogen und lebt auf Raumschiffen. Dort sitzen sie in fliegenden Liegestühlen und werden fetter und fetter, weil sie nichts mehr selbst tun müssen. Da sind wir noch nicht. Jedoch können wir auch nicht behaupten, in die andere Richtung unterwegs zu sein. Es ist aber auch so angenehm, etwas nicht selbst tun zu müssen. Manchmal sitze ich vor einem weißen Blatt und habe keine Ahnung, wie ich es füllen soll. Das könnte doch mal jemand anderes für mich machen. Und ich erinnere mich auch gut daran, wie ich mir damals in der Backstube einen kleinen Roboter gewünscht habe, der hinter mir beginnt aufzuräumen, während ich im Liegestuhl an einem Cocktail nippend in den Sonnenuntergang schwebe. Zum Glück nimmt diese neue Bequemlichkeit langsam Gestalt an. Die Recherche für Texte oder gleich ganze Texte übernimmt ChatGPT, und in der Backstube geschieht nicht nur das Aufräumen automatisch – auch das Brotaufmachen, Abbacken und Verkaufen läuft wie von selbst. Was früher Zukunftsmusik war, gibt inzwischen immer öfter den Ton an. Zum Glück nimmt diese neue Bequemlichkeit langsam Gestalt an? Wir müssen uns fragen, ob diese Bequemlichkeit tatsächlich gut für uns ist. Was geschieht mit den Kindern, die sich nur noch Kurznachrichten tippen, die ausschließlich dank automatischer Rechtschreibkorrektur einen Sinn ergeben? Sie verlernen das Schreiben. Was geschieht, wenn ich, um eine Antwort zu finden, nicht mehr recherchieren muss, sondern stattdessen eine Anfrage an die Künstliche Intelligenz stelle? Das Wissen wird oberflächlich. Der Spruch „Wissen ist zu wissen, wo es steht“ war schon immer falsch. Wissen ist Kontext. Punktuelle Erkenntnisse sind nichts wert, wenn man nicht weiß, was drumherum wichtig ist. Und da möchte ich mich nicht auf eine KI verlassen, die mir im Zweifelsfall nur das anzeigt, was ihre Programmierer oder sie selbst für wichtig halten. Auch in der Backstube scheint die Bequemlichkeit schon lange angekommen zu sein, denn Bequemlichkeit ist nichts anderes als Convenience. Es gibt viele Beispiele dafür, wie das Arbeiten der Bäcker bequemer werden kann. Aber: Je bequemer es wird, desto mehr Kultur geht verloren. Was in Generationen hart erarbeitet und erlernt wurde, rinnt uns wie feiner Sand durch die Finger, weil wir dem Trugschluss erlegen sind, bequemer bedeute zufriedener. Dabei wissen wir doch alle: Wirklich zufrieden sind wir erst, wenn wir etwas geschafft haben, was außerhalb unserer Komfortzone lag. Bequemlichkeit in Grenzen ist schön und gut. Aber nicht auf Kosten der Zufriedenheit. Denn das ist schließlich des Menschen größte Freud‘.


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